Hitler heute
»Keine Angst vor Hitler« habe ich das Einführungskapitel meines Buches damals ganz bewußt genannt. Wenn ich dessen Zeilen heute lese, so kann ich die Befunde großteils nur bekräftigen. Allenfalls in wichtigen Details hat uns die Wissenschaft weitere Erkenntnisse vermittelt.
Ich nenne hier drei Fragen: Wie wurde Hitler zum Antisemiten? Wie erklären sich so scheinbar irrationale Anweisungen wie der Haltebefehl vor Dünkirchen 1940 und die Kriegserklärung an die USA 1941? Und was wissen wir inzwischen wirklich über Hitler als den eigentlichen Urheber und Antreiber des Holocaust?
Im ersten Halbjahr 1919 war der Kriegsheimkehrer Hitler noch kein virulenter Antisemit. Natürlich mochte er den stets latenten Antisemitismus, der in der alten Donaumonarchie grassierte, in seinen Wiener Jugendjahren aufgesogen haben. Doch ein Bestandteil seines damals noch diffusen Weltbilds war er nicht. Wir wissen heute noch viel besser als vor dreißig Jahren, daß Hitler in München mindestens zehn Wochen lang die linke Räte-Regierung unterstützte – ja mehr noch, daß er persönlich der alten bayerischen Sozialdemokratie, der MSPD unter ihrem Führer Erhard Auer, zuneigte. In diesen Wochen war er alles andere als ein radikaler Judenfeind.
Der wurzellose österreichische Gefreite hatte sich sogar zum Soldatenrat wählen lassen. Und am Trauerzug für den ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Eisner hatte er tatsächlich teilgenommen. Die wirkliche Inkubationszeit des Antisemiten Hitler lag in den Wochen zwischen seiner Wahl zum »Ersatz-Bataillonsrat« im April 1919 und seiner Abordnung zu einem Lehrgang im Juni 1919, der ihn zu antibolschewistischer Propaganda befähigen sollte. Da einige Protagonisten der brutal zerschlagenen Münchner Räterepublik aus jüdischen Familien stammten, war die neue völkische Melange »Judentum plus Kapitalismus plus Bolschewismus sind der Untergang Deutschlands« für Hitler ein willkommenes Gebräu. Und denkbar war wohl auch der opportunistische Drang des frischgebackenen Renegaten, sein im Rückblick fehlgeschlagenes Engagement für die Räte durch übermäßigen Eifer zu kompensieren. Letzten Endes aber war es dann im Juni 1919 der als Diktat empfundene Versailler Friedensvertrag, der Hitlers Weg zum radikalen Antisemiten komplettiert