1
Ich kämpfe mich durch das Geäst. Mit einer Axt hacke ich alles ab, was mir im Weg steht. Der Hunger treibt mich an. Im Wald gibt es noch Kokosnüsse, Mangos und Jackfrüchte. Vereinzelte Beeren, die alles verkleben, aber nicht satt machen. Ich klettere die Baumstämme hoch, bis ganz nach oben, und rüttle an den Ästen, bis die Kokosnüsse schwer auf den Boden fallen. Die Früchte wachsen nicht mehr nach. Immer tiefer muss ich in die Insel vordringen, auf der Suche nach Nahrung, immer weiter hinauf in den Norden.
2
Mein Haus ist eine Festung. Erbaut aus dem Fels, der mir Rückhalt gibt. Dunkel und mächtig erhebt er sich steil zum Himmel, undurchdringbar und unbezwingbar. Auf dem Gestein haben sich Risse gebildet, Texturen, die wie unverständliche Zeichen anmuten und sich täglich verändern. An manchen Tagen formen sie sich zu einem Heer aus Speeren, die auf mich gerichtet sind. Eine Mauer umgibt mich, sie ist schwarz wie der Sand des Meeres und so hoch, dass keiner von ihnen sie erklimmen kann. Kompliziert verzweigte Gänge führen durch ein verstecktes Loch in den Untergrund. Tödliche Fallen lauern dort auf sie. Gruben mit spitzen Pflöcken und Schlangen darin. Ihr Zischen hallt als Echo durch die Gänge. Ein komplexer Bau, den ich mühselig erdacht und in langen Nächten geplant und aufgezeichnet habe. Erst als ich jeden Gang, jede Falle angelegt hatte und alles an seinem Platz war, verbrannte ich die Pläne im Feuer. Jetzt ist alles in meinem Kopf, der einzig sichere Weg von draußen nach drinnen und von drinnen hinaus.
3
Wenn der Wind günstig steht, hört man die Trommeln und ihren Gesang bis in den Süden. Das sind die anderen. Sie hausen im Norden, in brüchigen Baracken aus Holz. Sie sprechen eine seltsame Sprache und pflegen eigentümliche Rituale. Sie tanzen zum Beispiel im Dunkeln und beginnen zu trommeln, sobald die Sichel des Mondes am Himmel auftaucht. Sie bemalen ihre Körper mit Asche und Indigo, glauben an Götter und Geister, an Dämonen und Weltuntergänge. Sie zeichnen Sternbilder in die Erde, darin glauben sie die Zukunft zu erkennen. Sie sind überzeugt von einer Rechtmäßigkeit, beanspruchen den Besitz dieser Insel. Eines Tages standen sie in geschlossener Formation vor meinem Tor. Sie schrien und sangen. Manche hatten ihre Trommeln mitgebracht und schlugen in wilden Rhythmen darauf ein. Kurz standen wir uns gegenüber. Ich auf dem Wachturm, sie vor den Toren. Sie sahen noch kleiner aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Pfeile prallten an den Mauern meiner Festung ab. Ich blickte auf sie hinunter, jeden Einzelnen von ihnen nahm ich ins Visier, während die Trommeln leiser wurden und ihre Stimmen allmählich verstummten. Dann suchten sie das Weite und kehrten nicht wieder zurück.
4
Es ist nicht lange her, da strömte ein kleiner Fluss durch die Wälder, er entsprang hoch oben im Fels und schlängelte sich durch die Landschaft, fast bis hinauf in den Norden. Fische und Warane schwammen darin, Rehe und Hirsche badeten darin, Lianen und Mangroven hingen ins Wasser. Die Insel gab alles, was es zum Leben brauchte. Holz für die Häuser, Stein für das Werkzeug. Trinkwasser, Früchte, Gewürze und Kräuter. Selbst das Salz ließ sich ganz einfach abbauen. Ein geschlossener Kreislauf, der reibungslos funktionierte. Palmen und Bananenbäume wechselten sich ab mit Zimtpflanzen, Bambus und Sandelholzbäumen. Ein Dach aus Blättern versperrte die Sicht zum Himmel. Orchideen, Frangipani und Hibiskusblüten leuchteten in den Wäldern und verströmten einen holzig süßen Geruch. Wohin man auch blickte, zeigte die Natur ihr ganzes Farbspektrum und wechselte den Geruch je nach Regen- oder Trockenzeit. Manchmal roch es nach Jasmin oder nac