: Nikole Hannah-Jones
: 1619 Eine neue Geschichte der USA
: Karl Blessing Verlag
: 9783641292423
: 1
: CHF 17.90
:
: Gesellschaft
: German
: 816
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im August des Jahres 1619 legt dieWhite Lion an der Küste von Virginia an. An Bord sind die ersten zwanzig Menschen, die aus Afrika verschleppt und auf dem nordamerikanischen Kontinent als Sklav:innen verkauft werden. Viele Millionen werden ihrem Schicksal folgen.

In ihrem preisgekrönten publizistischen Projekt »1619« versammelt Herausgeberin Nikole Hannah-Jones Beiträge renommierter Autor:innen aus unterschiedlichsten Feldern, geschichtswissenschaftlich, soziologisch, dokumentarisch und poetisch, die eines gemeinsam haben: sie zeigen auf, wie grundlegend die Versklavung von Millionen verschleppter Menschen die USA prägte und wie dieses Erbe bis heute fortwirkt. Das Buch hat eine landesweite, inzwischen auch international geführte Debatte nicht nur über die Vergangenheit, sondern vor allem auch über die Gegenwart dieser Nation bewirkt.

Mein Vater hisste immer die amerikanische Flagge im Vorgarten. Der blaue Anstrich unseres zweigeschossigen Hauses mochte hin und wieder abblättern, der Zaun, das Treppengeländer oder die Eingangstür konnten manchmal etwas verwahrlost wirken, aber die Flagge wehte immer makellos. Unser Eckgrundstück, das die Regierung für nicht kreditwürdig befand, lag direkt an dem Fluss, der den Schwarzen Teil unserer Kleinstadt in Iowa vom weißen trennte. Am Rand unseres Rasens, hoch oben an einer Aluminiumstange, erhob sich die Flagge, die mein Vater jedes Mal durch eine neue ersetzte, sobald sie auch nur die kleinste Spur von Verschleiß zeigte.

Mein Vater kam als Kind von Sharecroppern auf einer weißen Plantage in Greenwood, Mississippi, zur Welt, einem Ort, wo Schwarze Menschen sich vom frühen Morgen- bis zum späten Abenddunkel nach der Baumwolle bückten, so wie es auch ihre versklavten Vorfahren vor gar nicht so langer Zeit getan hatten. In der Kindheit und Jugend meines Vaters war der Bundesstaat Mississippi ein Staat der Apartheid, der die dort ansässigen Schwarzen – fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung[1] – mit haarsträubenden Gewalttaten unterjochte. Die Weißen, die in Mississippi wohnten, haben eine größere Zahl Schwarzer Menschen gelyncht als in jedem anderen amerikanischen Bundesstaat[2], und die weiße Bevölkerung im Heimatbezirk meines Vaters hat noch einmal mehr Schwarze Ortsansässige gelyncht als in jedem anderen Bezirk von Mississippi, für »Verbrechen« wie die, dass sie ein Zimmer betraten, in dem weiße Frauen saßen, versehentlich ein weißes Mädchen anrempelten oder versuchten, der Sharecropper-Gewerkschaft beizutreten.[3] Wie alle Schwarzen in Greenwood durfte die Mutter meines Vaters nicht zur Wahl gehen, sie durfte die öffentliche Bibliothek nicht betreten und konnte keine andere Arbeit finden, als auf den Baumwollfeldern oder in den Häusern der Weißen zu schuften. In den 1940er-Jahren packte sie ihre wenigen Habseligkeiten und ihre drei kleinen Kinder zusammen und schloss sich dem Strom Schwarzer Südstaatler:innen an, die Richtung Norden flüchteten. In Waterloo, Iowa, stieg sie aus dem Zug der Illinois Central Railroad, sah ihre Hoffnungen auf das sagenumwobene verheißene Land aber gleich wieder zerstört, als sie erfuhr, dass die Jim-Crow-Gesetze an der Mason-Dixon-Linie nicht haltmachten.

Grandmama, wie wir sie nannten, bezog ein viktorianisches Haus in einem rein Schwarzen Viertel im Osten der Stadt und fand die Arbeit, die als Arbeit für Schwarze Frauen galt, ganz gleich, wo diese Schwarzen Frauen wohnten: Sie putzte in den Häusern von Weißen. Auch Dad tat sich schwer, in diesem Land Verheißung zu finden. 1962, mit 17 Jahren, verpflichtete er sich als Soldat. Wie viele junge Männer tat er das in der Hoffnung, damit der Armut zu entkommen. Abe