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Gestank schlug Ylva entgegen, als sie die Tür öffnete. Das Chaos, die Dunkelheit und der stickige Mief verrieten ihr alles, was sie wissen musste: Ihre Mutter hatte mal wieder eine schlechte Phase. Ylva holte tief Luft, bevor sie den Flur betrat.
Nicht denken, wenn sie jetzt zu viel nachdachte, brachte sie es nicht fertig, hineinzugehen und die Tochter zu sein, die sie sein wollte. Doch der Gestank und der Blick in den Flur beschworen noch immer Erinnerungen herauf, die sich nicht ignorieren ließen.
Ylva schaute zur Treppe, die in den ersten Stock führte. Wachsam blieb sie stehen und lauschte; aus dem Wohnzimmer drang gedämpftes Murmeln, doch die Stille aus dem oberen Stockwerk waberte herunter und hüllte sie ein. Der Nachhall der Geräusche, die sie vor zwanzig Jahren geweckt hatten, saß noch immer in den Wänden.
Sie erinnerte sich an die grauenvolle Nacht, als wäre es gestern gewesen. Sie hatte mit dem BuchDie Brüder Löwenherz auf der Brust im Bett gelegen und geschlafen, als Stimmen sie aus dem Traum rissen. Ängstlich hatte sie sich aufgesetzt und mit pochendem Herzen gelauscht. War da jemand vor dem Haus? Sie spähte aus dem Fenster. Die Stille wurde durch den Schnee verstärkt, der im Schein der Straßenlaternen vom Wind aufgewirbelt wurde. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 15:30.
Benommen wollte sie wieder zurück unter die warme Decke kriechen, da hörte sie erneut gedämpfte Laute. Sie kamen aus dem Keller. Mit angehaltenem Atem hörte sie jemanden flüstern. Gefolgt von einem leisen Rascheln, das Geräusch eines Menschen, der nicht hier sein sollte, von jemandem, der nicht gehört werden wollte.
Sie schlich hinaus in den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern war angelehnt. Sie hörte die schweren Atemzüge ihrer Mutter, und im Lichtstreifen, der vom Flur hineinfiel, sah sie die unzähligen Pillendöschen auf dem Nachttisch. Die Mutter schlief tief und traumlos, doch ihr Vater war nicht in seinem Bett. Wo war er?
Barfuß tappte Ylva über den Linoleumboden und so leise sie konnte die Treppe hinunter. Die Kellertür stand einen Spaltbreit offen, das Licht war nicht eingeschaltet, doch jetzt vernahm sie das Flüstern deutlicher. Sie schlich weiter. Ein feuchter Luftzug strömte ihr aus der Dunkelheit entgegen. Der Vater stöhnte. Dann wurde es still.
Ylva konnte gerade noch hinter die Tür huschen, als eine Gestalt die Kellertreppe hochhastete. Ein Windzug ließ die Gardinen in der Küche flattern, als die Tür zur Straße geöffnet wurde, der Schatten glitt in die Nacht hinaus und verschwand. Die Tür fiel lautlos ins Schloss. Mit einem Mal herrschte eine andere Art von Stille, eiskalt und bedrohlich. Es war, als hielte das alte Holzhaus den Atem an.
Die Stille aus dem Keller sandte Schauer über ihre Haut. In ihrem blauen Schlafanzug mit den aufgedruckten Planeten schlich sie die Treppe hinunter. Dort, im Lichtstreifen, der durchs Kellerfenster fiel, sah sie ihn. Mit aufgerissenen Augen lag er auf dem nackten Boden, starrte mit leerem Blick in die Luft. Sein Atem ging in keuchenden Stößen, der Körper wurde von Krämpfen geschüttelt. Ängstlich näherte sie sich ihrem Vater und sah auf ihn hinab. Er kam ihr vor wie ein Fremder, wie ein krankes Tier. Er versuchte, etwas zu flüstern, und sie beugte sich vor, hielt ihr Ohr dicht an seinen Mund.
Sein Atem streifte warm ihre Wange, doch