2. Kapitel
Ein älterer Mann mit weißem Haarkranz blickte von seinem Notizblatt auf und wandte sich Leon zu. Professor Sigfried Stadelmann. Daneben saß Robert, der Betreuer von Leons Masterarbeit. Ansonsten waren sie allein in dem holzvertäfelten Saal, der mehrere Dutzend Personen fasste.
»Sie sind spät«, begrüßte Stadelmann Leon und fuhr mit der Zunge unter seiner Oberlippe entlang. Der Professor war eine ehrfurchtgebietende Erscheinung: ein großer Körper, begleitet von einem noch größeren Ego. »Was hat Sie aufgehalten?«
»Ich dachte, zehn …«
»Um zehn wollten wir beginnen.« Stadelmanns ungnädiger Blick fiel auf den ausgeschalteten Beamer.
Hilfesuchend sah Leon nach seinem Betreuer. Robert fixierte mit zusammengekniffenen Lippen den Kugelschreiber, der vor ihm auf dem Pult lag. Persönlich kamen sie gut miteinander aus. Aber während Leon Wert auf wissenschaftliche Korrektheit legte und Formalia am liebsten zum Teufel gewünscht hätte, war es bei Robert andersherum.
»Also?«, fragte Stadelmann.
»Verzeihung«, murmelte Leon und kramte seinenUSB-Stick aus der Hosentasche. Zwei Minuten später prangte die Begrüßungsfolie seiner Präsentation an der Projektionswand.
»Soll ich anfangen?«, fragte er nervös.
Stadelmann neigte mit cäsarischer Nachlässigkeit das Haupt. »Wenn Sie müssen.«
»Okay.« Leon sah ein letztes Mal zu Robert, der ihm aufmunternd zunickte, und begann: »Herzlich willkommen zu meinem Vortrag über Waldpilze und Cas9-induzierte Kettenablation als entscheidendem Faktor zur Kontrolle Gene-Drive-bezogener Risiken …«
Nach zwei Sätzen hatte Leon den Spurt durch die Innenstadt vergessen. Verwendete keinen Gedanken mehr daran, dass die nächsten Minuten entscheiden würden, ob er gut genug war für eines der wenigen gewichtigen Promotionsstipendien. Nichts erfüllte Leon mehr, als die Prinzipien zu erkunden, die dem scheinbaren Chaos der Welt zugrunde lagen. Es gab nichts Unberechenbares; alles Ungefähre bekam Struktur, wenn man nur genau genug hinsah. Wie sehr liebte er die Unbedingtheit der Mathematik.
Leon forschte zu Gene Drives, der genetischen Manipulation von Pilzen oder Insekten mit dem Ziel, dass das veränderte Erbgut sich in der gesamten Population ausbreitete. Wurde zum Beispiel eine Fruchtfliege so modifiziert, dass sie nur noch weibliche Nachkommen erzeugte, und in eine bestehende Population integriert, führte das – zumindest theoretisch – zum Aussterben der Population. Denn mit jeder Generation nahm der Anteil der genetisch modifizierten weiblichen Mitglieder zu, bis es nach einer gewissen Anzahl von Generationen keine männlichen mehr gab.
Die Gene-Drive-Forschung wurde als Schlüsseltechnologie der Zukunft gehandelt, weckte etwa in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten immense Erwartungen. Und wie jede Forschung, die Erwartungen weckte, versprachen schnelle Ergebnisse großes Renommee und üppige Drittmittel. Leons Ansicht nach war Geltungsdrang der Tod nachhaltiger Wissenschaft. In seiner Arbeit hatte er sich mit Waldpilzen beschäftigt. Genauer, mit Mykorrhiza: Mischstrukturen aus P