: Eva Seifert
: Ein isländischer Frühling Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641283421
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Mutter. Eine Tochter. Eine Insel. Und eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit …

1949: Voller Vorfreude blickt Ulrike der sich nähernden Küste Islands entgegen. Wie viele junge Frauen entflieht sie dem kriegsgebeutelten Deutschland und wagt einen Neuanfang in der Ferne. Ulrike kommt bei einer isländischen Familie unter, doch das Leben auf deren Bauernhof stellt sie vor Herausforderungen …
2022: Als die letzte Schale ihres Hochzeitsgeschirrs zerbricht, ist Bärbel tieftraurig. Sie hatte das Geschirr einst mit ihrem kürzlich verstorbenen Mann von einer isländischen Handwerkerin erstanden, weshalb es ihr viel bedeutet. Tochter Katharina will Bärbel unbedingt helfen und bucht kurzerhand eine Reise für sich und Bärbel auf die Insel. Sie will die Töpferin von damals ausfindig machen! Auf ihrer Suche lernen Mutter und Tochter das raue Island kennen und stoßen auf die dramatische Geschichte einer jungen deutschen Auswanderin …

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»Ein schwedischer Sommer«
»Ein Sommer unter Apfelbäumen«

Eva Seifert ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Schon als Kind hat sie viel gelesen und geschrieben. Nach einem Studium der Kulturwissenschaft, Germanistik und Geschichte arbeitete sie als Lektorin in München und bekam dort all die Bücher zu lesen, die sie selbst gern schreiben wollte. Heute lebt sie mit ihrem Mann, ihren drei Kindern und dem Familienhund in der Nähe von Braunschweig, wo sie endlich ihren Traum leben und Autorin sein darf. Sie reist für ihr Leben gern und liebt es, die Eindrücke aus den besuchten Orten in ihren Romanen zu verarbeiten.

Juni 1949


Kalt pfiff Ulrike der Wind an Deck derEsja entgegen, und sie zog ihren dünnen, geflickten Mantel enger um sich. Sie trug einen dicken Pullover darunter, trotzdem fror sie. Doch es war ihr lieber, an der frischen Luft zu stehen, als unten in der stickigen Kabine zu hocken. Dort stand ihr alter, abgestoßener Koffer, der beinahe ihren ganzen Besitz enthielt. Dieser verfluchte Krieg hatte ihnen alles genommen. Das Haus, fast all ihr Hab und Gut, den Gemischtwarenladen ihres Vaters. Ihren Vater. Und ihre Zukunft.

Das war doch kein Leben mehr in diesem zerstörten Land! Überall Trümmer und Asche – noch immer. Dann die neue Währung, die langsam, aber sicher ihre letzten Ersparnisse auffraß. Ihre Mutter, die verzweifelt dafür kämpfte, ihre Kinder durchzubringen. Sie selbst, die jeden Tag stundenlang in der Schlange gestanden hatte, um Lebensmittelmarken zu ergattern oder ein Brot. Gut, dass sie wenigstens noch ihren kleinen Garten hatten, der ein paar Kartoffeln abwarf, Kohl, Johannisbeeren, Rhabarber und Bohnen.

Unwillkürlich schüttelte Ulrike den Kopf. Nein, das wollte sie alles nicht mehr. Diese triste, bedrückende Atmosphäre, die Menschen, die nur noch mit hängenden Schultern und gebeugten Köpfen umherliefen. Die Leere in den Blicken der heimkehrenden Männer. Dieser Hunger. Ihre Träume, die zerplatzt waren. Sie hatte studieren wollen. Ihr Vater hatte immer gesagt, dass sie klug war und es weit bringen könnte. Das alles war nun vorbei.

Als sie einige Monate zuvor die Anzeige des Isländischen Bauernverbands in denLübecker Nachrichten gesehen hatte, hatte sie sofort gewusst, dass sie diese einmalige Chance ergreifen wollte.Arbeitskräfte in Island für die Landwirtschaft gesucht – befristet auf ein Jahr. Kost und Logis frei, hatte sie gelesen und sofort reagiert. Ganz egal, wohin, nur raus, nur weg hatte sie gewollt.

Und nun stand sie hier, an Bord des knarzenden und von den Wellen des Nordatlantiks hin- und hergeworfenen Dampfers. Sie lächelte in sich hinein. Dafür, dass Sommer war, war es zwar eiskalt, aber es konnte einfach nur besser werden als zu Hause.

»Hier bist du«, hörte sie da eine zarte Stimme neben sich.

Es war Lore, die sich ebenfalls auf die Anzeige beworben hatte, so wie alle weiteren Menschen an Bord, von denen die überwiegende Mehrheit Frauen waren.

Sie alle wollen nur fort aus Deutschland, genau wie ich.

Ulrike und Lore teilten sich mit zwei weiteren Frauen eine Kabine. Lore, mit vollem Namen Eleonore von Schwanitz, hatte einen weiteren Weg hinter sich als Ulrike. Sie kam irgendwo aus Ostpreußen, von einem großen Gutshof, aber viel mehr hatte sie ihr noch nicht von ihrer Heimat erzählt. Nur noch, dass sie ganz allein war. Sie sprach ohnehin sehr wenig und war so dünn, dass ihr Mantel um sie herumflatterte wie der einer Vogelscheuche.

Ulrike hatte Lore zum ersten Mal gesehen, als sie das Schiff in Hamburg betreten hatten. Die junge Frau mit den langen braunen Haaren, die jetzt vom Wind zerzaust wurden, trug ein zartrosa Kleid unter ihrem Mantel, das ihre schmächtige Statur noch zerbrechlicher wirken ließ. Sie war ein paar Meter vor ihr die Gangway hochgelaufen, als sich eine robuste Matrone mit einem vollgepackten Seesack an ihr vorbeigedrängelt hatte, vermutlich in der Hoffnung, eine der besseren Unterkünfte zu ergattern. Lore war gestrauchelt und hätte fast ihren Koffer verloren. In dem Moment war Ulrikes Beschützerinstinkt geweckt worden, und sie hatte Lore unter ihre Fittiche genommen, so wie sie es zu Hause mit ihren kleinen Geschwistern zu tun gepflegt hatte. In den Tagen der Überfahrt h