Kapitel 1
Es war einmal ein schönster Tag im Jahr
München – Heiligabend vor 22 Jahren – Teil 1
Als die zehnjährige Emily an diesem Morgen erwachte, wurde es draußen gerade hell. Im Bett unter ihr war das leise Schnarchen ihrer drei Jahre älteren Schwester Laura zu hören, mit der sie sich ein Zimmer teilte.
Heute ist Heiligabend, dachte Emily glücklich. Der Tag, auf den sie schon seit Wochen hingefiebert hatte. Der schönste Tag im Jahr ! Endlich !
Sie schlug die Bettdecke zurück, kletterte die Leiter am Etagenbett nach unten, ohne Laura zu wecken, und schlüpfte in die Hausschuhe. Leise verließ sie im Schlafanzug das Kinderzimmer, putzte sich im Bad die Zähne und ging in die Wohnküche am anderen Ende des Flurs.
Ihre Mutter Luise stand mit dem Rücken zur Tür an der Arbeitsfläche und summte vergnügt zur weihnachtlichen Popmusik aus dem Radio.
»Guten Morgen, Mama !«, sagte Emily. Ihre Mutter drehte sich um.
»Guten Morgen, Mäuschen !«, sagte sie mit einem Lächeln, und Emily sah, dass sie gerade Eier für einen Kuchen trennte. »Du bist ja schon früh wach.«
»Ich konnte nicht mehr schlafen … Wo ist denn Papa ?«
»Er muss noch etwas besorgen.«
»Was denn ?«
»Sei nicht so neugierig, mein Schatz !«
Emily hakte nicht weiter nach. Sicherlich hatte es etwas mit dem Christkind zu tun, und da würde ihre Mutter natürlich nichts verraten.
»Magst du mir helfen, den Weihnachtskuchen zu backen ?«, fragte Luise.
»Au ja !«
Emily nickte begeistert.
Der Weihnachtskuchen war ein besonderer Kuchen, den es nur am 24. Dezember gab. Und zwar am Nachmittag, während die Geschwister zusammen in einem der Kinderzimmer saßen, das sie ab Mittag bis zur Bescherung am Abend nur noch verlassen durften, um auf die Toilette zu gehen. Damit sie dem Christkind nicht versehentlich in die Quere kamen.
»Der Kuchen, der die Wartezeit versüßt« nannte ihr Papa Karl diesen traditionellen Kuchen, den es in seiner Kindheit schon für ihn und seine drei älteren Geschwister gegeben hatte. Das Rezept dafür stammte von seiner bereits verstorbenen Mutter. Dazu gab es heiße Schokolade, die mit weihnachtlichen Gewürzen zubereitet war. Karl gesellte sich bei diesen Gelegenheiten immer für eine Weile zu den Kindern und verputzte mindestens zwei große Kuchenstücke, während Luise irgendetwas Geheimnisvolles in der Wohnung zu tun hatte. Emily freute sich schon sehr auf diese Stunden. Die zogen sich zwar bis zum Abend endlos wie Kaugummi, aber trotzdem hatte sie immer viel Spaß mit ihren Geschwistern. Sie saßen auf einer Decke am Boden und spielten Monopoly. Und wenn sie davon genug hatt