1
28. Juni 2019
Ich parkte außerhalb des Ortskerns, an der steilen Serpentinenstraße, die zu dem kleinen Platz mit der Kirche führte. Nach all der Zeit hatte ich ganz vergessen, wie eng die Wege und wie schmal die Straßen waren, über die man hier herauf gelangte, zu jener Handvoll Steinhäuser, die von einer grünen Mauer aus Wäldern umschlossen wurden.
Das Panorama war atemberaubend, doch aus irgendeinem Grund verursachte es mir Unbehagen: Freiwillig hätte ich keinen Fuß in das undurchdringliche, von verschlungenen Wegen durchfurchte Dickicht gesetzt, für kein Geld der Welt. Als Kind hingegen hatte ich meine Tage in der blaugrünen Einsamkeit des Waldes verbracht.
Mir war nicht bewusst gewesen, welche Gefahr davon ausging.
Niemandem war es bewusst gewesen.
Mit dem Smartphone in der Hand blieb ich im Auto sitzen, bei geschlossenen Fenstern, trotz der Hitze im Wagen, weil ich nicht wollte, dass diese Luft erneut in mein Leben eindrang. Und doch wusste ich, dass es sich nicht vermeiden ließ, nicht diesmal.
Zwischen den Social-Media-Benachrichtigungen fischte ich eine E-Mail vom Chefarzt heraus, der mich bat, die Leitung der Spendensammelaktion zum Erwerb neuer Diagnosegeräte zu übernehmen, sowie ein paar Nachrichten von Emilia.
Ich ließ alle unbeantwortet. Stattdessen atmete ich so langsam wie möglich weiter und betrachtete die vertrauten Konturen der Schornsteine, die auch im Sommer qualmten, und das Meer von Dächern, die so dicht aneinandergrenzten, als ob sie sich gegenseitig stützen, sich gegenseitig schützen müssten. Aber wovor?
Vor wem?
Ich blickte auf die Uhr. Die Beerdigung würde in rund zehn Minuten beginnen. Ich musste mich also in aller Eile akklimatisieren, ein Lächeln aufsetzen, das möglichst wenig von meiner Anspannung verriet, und mich der Sache stellen. Ich steckte mir eine Gaviscon-Kautablette gegen Sodbrennen zwischen die Zähne und machte mir selbst Mut: Was hatte die Yogalehrerin immer gesagt?
»Die Welt ist letztlich nur ein Spiegel dessen, was wir sind. Ihre Haltung spiegelt nur unsere Haltung wider.«
Das ist nicht der beste Moment, um darüber nachzudenken, welche Haltung ich der Welt gegenüber habe. Wenn ich schon hier bin, sollte ich auch so da sein, wie es sich gehört. Die Dinge sind nun einmal, wie sie sind, daran lässt sich nichts mehr ändern.
Diese Überlegung bedrückte mich mehr als all die hundert anderen Gedanken, die sich mir auf der Fahrt von Bologna aufgedrängt hatten. Ich spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen, und kämpfte nicht dagegen an.
Vielleicht hätte ich nicht kommen dürfen.
Schwierigen Situationen auszuweichen ist der Ausweg der Feigen. Mir meine Niederlagen schönzureden und abzuhauen war schon immer meine Stärke gewesen.
Erneut vernahm ich die Stimme meiner Yogalehrerin: »Seid nicht zu streng zu euch, wenn ihr nicht wollt, dass der Rest der Welt es ebenfalls ist.«
Okay, das war’s. I