: Stefanie Lasthaus
: Frau Holles Labyrinth Roman
: Heyne Verlag
: 9783641295646
: 1
: CHF 4.50
:
: Fantasy
: German
: 432
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Mary zum einundzwanzigsten Geburtstag ihrer jüngeren Schwester Moira nach Hause aufs Land fahren muss, ist sie nicht gerade begeistert. Nach dem Tod der Eltern sind die beiden Schwestern bei ihrer strengen Tante aufgewachsen, die Moira immer bevorzugt hat. Als diese zum Geburtstag nun auch noch die Kette ihrer verstorbenen Mutter bekommt, ist Mary zutiefst verletzt. Die Schwestern geraten in einen Streit, bei dem das Amulett in den Brunnen im Garten ihrer Tante fällt. Mary bleibt nichts anderes übrig, als hinterherzuklettern. Doch als sie unten ankommt, ist sie nicht mehr in ihrer Welt, sondern in Frau Holles Labyrinth – einem düsteren, gnadenlosen Reich, in dem die Menschen keine Erinnerungen mehr an das haben, was ihnen einst lieb war. Für Mary beginnt ein brutaler Kampf ums Überleben ...

Stefanie Lasthaus wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach dem Studium zog es sie nach Australien, England sowie in die Schweiz. Zurück in Deutschland, widmete sie sich zunächst dem Dokumentationsfilm und schließlich ganz dem Schreiben – ob für Zeitungen, Zeitschriften, Onlinespiele, dem PR-Bereich oder als Autorin ihrer Romane. Da sie nur noch temporär durch die Welt reisen kann, besucht sie in ihren Büchern Gegenden, die sie faszinieren. Stefanie Lasthaus schreibt auch unter dem Pseudonym Hannah Luis und lebt in Essen.

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Das fünfte Rad

Der Pontiac wackelte, als ein Truck über die Landstraße donnerte und Mary aus ihren Gedanken riss. Mit gerunzelter Stirn betrachtete sie die dreckige Windschutzscheibe, auf die sie Schnörkel um ein großes Fragezeichen gemalt hatte, ohne es zu merken. Das fasste die Situation perfekt zusammen. War es eine gute Idee gewesen, herzukommen?

Sie seufzte, als es auf dem Beifahrersitz brummte – wie eine Mahnung, doch endlich auszusteigen. Auf dem Weg aus der Stadt hierher war ein Polizeiwagen an ihr vorbeigezogen, mit blinkenden roten und blauen Lichtern auf dem Dach. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass die Officers abbremsten, um einen Blick durch ihr Fenster zu werfen, und damit gerechnet, angehalten und abgeführt zu werden. In Handschellen vor einen mies gelaunten Sheriff mit Stetson gezerrt zu werden, der stoisch seinen Donut in den Kaffee tunkte, während er ihr Fragen stellte. Aber der Wagen war weitergefahren, vermutlich zu einer Schießerei in einem der Vororte.

Neben ihr brummte es erneut. Sie hatte ihr Handy auf Vibrationsalarm gestellt, da sie geahnt hatte, dass Jonah versuchen würde, sie zu erreichen. Und sie hatte recht behalten: zehnmal auf der Fahrt und dreimal, seit sie geparkt hatte. Während sie den Blick starr in den Himmel gerichtet hielt, zählte sie mit. Sie wusste, dass sie Mist gebaut und die Absprache mit ihm gebrochen hatte.

Ich stelle dich ein, wenn du deine Fähigkeit nicht für private Zwecke missbrauchst.

Das war lange Zeit gut gegangen. Doch nachdem die Auftragslage mies war, auf ihrem Konto seit Monaten Ebbe herrschte und ihr niemand mehr eingefallen war, von dem sie sich gefahrlos Geld leihen konnte, hatte sie ihr Versprechen beiseitegeschoben und ihr spezielles Talent auch ohne einen Auftrag vonLocking Bird genutzt – Jonahs Schlüsseldienst. Es war so einfach, und vor allem ging es schnell. Sie musste die Finger lediglich auf das Schloss legen, sich kurz konzentrieren, und schon sprang es auf.

Sie war alles andere als stolz. Vielmehr schämte sie sich für ihren ersten Einbruch – den einzigen in ihrem Leben. Noch einmal würde sie eine solche Dummheit nicht begehen. Es war ein Fehler gewesen, und wie es aussah, musste sie demnächst dafür büßen. Die Polizei sämtlicher Bundesstaaten besaß eine Liste mit Leuten wie ihr: Personen, die über ein entsprechendes Talent verfügten und in öffentlichen Dienstleistungen tätig waren. Jonah hatte sie bei ihrer Einstellung melden müssen, als Absicherung, falls sie irgendwann mehr als die gebuchten Schlösser zur gebuchten Zeit öffnete. Ihre magische Fähigkeit war nützlich, machte sie aber auch schnell verdächtig.

Nachdem der Einbruch zur Anzeige gebracht worden war, hatte sich die State Police offenbar schnell bei Jonah gemeldet und ihm gedroht, und er gab das nun an sie weiter. Es war sein gutes Recht. Irgendwann musste sie das mit ihm klären, das war ihr klar. Aber nicht jetzt. Erst einmal wollte sie sich für eine Weile zurückziehen. Untertauchen und mit niemandem über das Problem reden, so, wie sie es am liebsten tat. Mary rieb über ein Loch in ihrer Jeans, spürte die ausgefransten Ränder unter ihren Fingern. Egal, wohin sie sich drehte, aus jeder Richtung zeigte das Leben ihr den Mittelfi