Prolog
Es ging auf den Februar des Jahres 1910 zu. Im Januar war die Seine über acht Meter angestiegen und hatte die gesamte Innenstadt überflutet. Doch erstaunlicherweise hatte es nur wenige Tote in Paris gegeben. Entgegen allen Voraussagen sprengte das Wasser die Uferbefestigungen nicht; stattdessen bahnte es sich einen viel teuflischeren Weg, stieg durch die Metro-Ausgänge auf und drang durch jeden Abfluss und jeden Kanal, den es fand. Heimlich und leise zwang Mutter Natur die Stadt auf die Knie und bedeckte alles mit Wasser. Dabei hatte sie die Einwohner gewarnt. Im Winter hatte es wesentlich mehr als sonst geregnet, und auch andere Flüsse führten Hochwasser. In Paris mussten Behelfsbrücken gebaut werden, damit sich die Menschen fortbewegen konnten, und auf vielen Straßen und Boulevards, sogar auf den Champs Élysées waren Ruderboote das Transportmittel der Wahl. Es herrschte eine Atmosphäre in der Stadt, die an Karneval erinnerte. Die Szenen, die für den Rest der Welt dokumentiert und in Fotografien festgehalten wurden, wirkten surreal.
Die Seine riss alles mit sich, Baumstämme, Möbel und Verkaufsstände, aber auch die Kadaver von Tieren, die vom Wasser überrascht worden waren.
Und drei Mitglieder der Familie Delancré fanden in den Fluten den Tod.
Sophie war als Einzige am Leben geblieben, weil sie in Épernay zu tun gehabt hatte, während ihre Familie sich in Paris aufhielt. Sie war wütend gewesen, weil sie ihren absoluten Lieblingsort, die Opéra Garnier, nicht besuchen konnte. Mittlerweile jedoch wollte sie lieber nie mehr an den Winter 1910 denken. Ihre Gedanken allerdings nahmen darauf keine Rücksicht. Sie konnte ihre Trauer nicht einfach so ablegen, wie Paris die Erschütterungen der Flut überwunden hatte.
Vier traurige Jahre waren vergangen, seitdem sie erfahren hatte, dass ihre Eltern in den schlammigen Fluten umgekommen waren. Ihr Bruder jedoch – ein Himmelsgeschenk, wie ihre Mutter ihn genannt hatte – war nie gefunden worden. Dass er sein Leben in den wirbelnden Tiefen ausgehaucht hatte, war nur ein winziges Ereignis in dem unfassbaren Drama, in dem mehr als zweihunderttausend Pariser in der Flut ihr Zuhause verloren hatten.
Sophie hatte nie erfahren, was tatsächlich passiert war, als ihre geliebten Angehörigen von der Flut mitgerissen wurden, doch sie musste davon ausgehen, dass der zehnjährige Olivier vielleicht ins Wasser gefallen war. Wie seine Mutter hatte sein Vater bestimmt versucht, ihn zu retten, und sie waren beide von den reißenden Wassermassen weggespült worden. Keiner von ihnen konnte schwimmen, und sie hoffte nur, dass ihr Todeskampf nicht allzu lange gedauert hatte. Der entsetzliche Gedanken daran quälte sie in vielen einsamen Winternächten, bis der Winzer Jerome Méa sie am Ellbogen packte, als sie stolperte, und ihr Leben so rasch veränderte, wie die Flut das ihrer Familie verändert hatte.
Sie waren sich nur zufällig begegnet, denn obwohl ihre Väter sich kannten, hatten sich die Wege der Kinder nie gekreuzt. Jerome war in Avize geboren, knapp dreißig Kilometer von Épernay entfernt, wo Sophie geboren und aufgewachsen war. Vier Jahre nach dem Tod ihres Vaters erhielt sie eine Nachricht von Louis Méa, Jeromes älterem Bruder, der mit dem Champagner-Produzenten eine neue Technik besprechen wollte. Sie sollt