: Susanne Betz
: Heumahd Roman
: C.Bertelsmann Verlag
: 9783641295905
: Die Bergbäuerin
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein kraftvoller Roman über das ungewöhnliche Leben einer eigensinnigen Bergbäuerin
Als König Ludwig II. 1886 im Starnberger See ums Leben kommt, sind die Menschen im Werdenfelser Land schockiert. Dass ihr Ehemann in einer eiskalten Nacht erfriert, empfindet Vroni Grasegger dagegen als großes Glück: Endlich ist sie nicht mehr seinen Misshandlungen ausgeliefert. Optimistisch übernimmt sie das Sagen auf dem einsamen, gegenüber dem Karwendel gelegenen Bergbauernhof und die Sorge für die behinderte Stieftochter Rosl. Harte Arbeit bei der Heumahd und Missernten bringen Vroni an ihre Grenzen, ebenso wie der Druck aus dem Dorf, dass sie wieder heiraten soll. Da begegnet sie dem Maler Wilhelm Leibl, den eine Schaffenskrise in die Berge führt - und auf Vronis Hof. Zwischen dem homosexuellen Künstler und der jungen Bäuerin entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Als Leibl dann noch einen englischen Arzt und Alpinisten mitbringt, verbreitet sich in dem kurzen Bergsommer eine ungekannte Leichtigkeit. Und Vroni schöpft vielfältige Hoffnungen ...

'Betz' Romane haben zweifellos etwas Besonderes.'Süddeutsche Zeitung Starnberg

Susanne Betz wurde 1959 in Gunzenhausen geboren. Sie studierte Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften in Deutschland, den USA und Kolumbien. Danach arbeitete die promovierte Historikerin bei verschiedenen deutschen und amerikanischen Tageszeitungen und Zeitschriften. Seit 1993 ist sie Hörfunkredakteurin in der Abteilung Politik des Bayerischen Rundfunks. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in der Nähe von München. In ihren historischen Romanen macht sie auf einzigartige Weise Geschichte lebendig.

KAPITEL 2

DERWARMEWIND war in einer mondlosen Nacht über den Nordkamm der Alpen gekommen. Er tollte über die Dächer des Hofes, der Heustadel und des Hühnerhauses, das der Hahn und seine Hennen wieder bezogen hatten, rüttelte an den Holzschindeln und riss mindestens ein Dutzend herunter.

Er kroch in die Ritzen zwischen den alten Balken und wirbelte die letzten Reste Heu hoch, die Ende April gut eingeteilt werden mussten. In den Kammern wischte der Italiener, den die Werdenfelser Sunnawind nannten, mutwillig durch die Haare und Herzen der Schlafenden. Bis diese wie von einem Gespenst geküsst aufschreckten und ihre wollüstigen Träume noch genau vor Augen hatten.

Der Onkel dachte wieder an die ledige Mutter aus Murnau, der er als junger Mann elf Sonntage hintereinander, einen wunderbar sonnigen Spätsommer und Herbst lang, auf dem Kirchplatz begegnet war, weil sie im Haushalt ihrer nach Loisbichl eingeheirateten kranken Schwester aushalf. Schlank und weiß bog sich ihr Hals, wenn sie ihrem kleinen Sohn die Nase putzte. An ihre Haar- und Augenfarbe erinnerte er sich dagegen nicht mehr. Ob sie eventuell sogar singen und ihn beim Zitherspiel begleiten konnte, sollte er damals nie herausfinden. Zu seinem lebenslangen Verdruss auch nicht, ob sie Ja gesagt hätte. Ein lediges Kind bringt sie mit, der Allmächtige steh uns bei, seine Mutter hätte getobt. So zog er später, als er zu alt fürs Arbeiten gewesen war, auf den Hof seiner inzwischen verstorbenen Schwester. Dass er diese Johanna aus Murnau nie gefragt hatte, quälte ihn bis heute.

Der Onkel stöhnte und drehte seinen langen mageren Körper zum wiederholten Mal im Bett herum. Seine Wirbelsäule krachte und schmerzte bei jeder Drehung, aber still liegen ging auch nicht. Im Stall hoben die Kühe die Köpfe und muhten ausdauernd wie sonst nur, wenn sie zum Stier wollten. Auch Josefa schlief schlecht. Sie setzte sich zweimal aufrecht hin und dachte an den Bauern, der sie regelmäßig in sein Bett geholt und rangenommen hatte, sodass sie schon gehofft hatte, selbst einmal Bäuerin zu werden. Bis dann die junge Schnalle ins Haus gekommen war.Das hat er nun davon, der Idiot!

Hektisch ließ Josefa den Rosenkranz durch die rissigen Finger gleiten. Als auch das nichts half, stand sie auf, stieg im Dunklen die Stiege hinunter und füllte der getigerten Katze, die in zehnter oder elfter Generation zum Hof gehörte, noch etwas Milch in die Schale vor der Tür.

Als der Tag im Osten grau anbrach, trieben Wolken über den Geißschädel. Als Korbinian kurz darauf den warmen Mist aus dem Stall fuhr und vom Schubkarren kippte, hatten sie sich aufgelöst, und der Himmel versprach klar und blau zu werden. Noch vor dem Waschen und Haareflechten zog Vroni das kleine Mädchen vor die Tür. Es war ausgerechnet der Tag des Heiligen Ludwig, der Namenspatron des toten Bauern, und es tropfte. Pling, plang, dong.

»Hörst du’s Rosl, hörst du’s?«