KAPITEL 2
DERWARMEWIND war in einer mondlosen Nacht über den Nordkamm der Alpen gekommen. Er tollte über die Dächer des Hofes, der Heustadel und des Hühnerhauses, das der Hahn und seine Hennen wieder bezogen hatten, rüttelte an den Holzschindeln und riss mindestens ein Dutzend herunter.
Er kroch in die Ritzen zwischen den alten Balken und wirbelte die letzten Reste Heu hoch, die Ende April gut eingeteilt werden mussten. In den Kammern wischte der Italiener, den die Werdenfelser Sunnawind nannten, mutwillig durch die Haare und Herzen der Schlafenden. Bis diese wie von einem Gespenst geküsst aufschreckten und ihre wollüstigen Träume noch genau vor Augen hatten.
Der Onkel dachte wieder an die ledige Mutter aus Murnau, der er als junger Mann elf Sonntage hintereinander, einen wunderbar sonnigen Spätsommer und Herbst lang, auf dem Kirchplatz begegnet war, weil sie im Haushalt ihrer nach Loisbichl eingeheirateten kranken Schwester aushalf. Schlank und weiß bog sich ihr Hals, wenn sie ihrem kleinen Sohn die Nase putzte. An ihre Haar- und Augenfarbe erinnerte er sich dagegen nicht mehr. Ob sie eventuell sogar singen und ihn beim Zitherspiel begleiten konnte, sollte er damals nie herausfinden. Zu seinem lebenslangen Verdruss auch nicht, ob sie Ja gesagt hätte. Ein lediges Kind bringt sie mit, der Allmächtige steh uns bei, seine Mutter hätte getobt. So zog er später, als er zu alt fürs Arbeiten gewesen war, auf den Hof seiner inzwischen verstorbenen Schwester. Dass er diese Johanna aus Murnau nie gefragt hatte, quälte ihn bis heute.
Der Onkel stöhnte und drehte seinen langen mageren Körper zum wiederholten Mal im Bett herum. Seine Wirbelsäule krachte und schmerzte bei jeder Drehung, aber still liegen ging auch nicht. Im Stall hoben die Kühe die Köpfe und muhten ausdauernd wie sonst nur, wenn sie zum Stier wollten. Auch Josefa schlief schlecht. Sie setzte sich zweimal aufrecht hin und dachte an den Bauern, der sie regelmäßig in sein Bett geholt und rangenommen hatte, sodass sie schon gehofft hatte, selbst einmal Bäuerin zu werden. Bis dann die junge Schnalle ins Haus gekommen war.Das hat er nun davon, der Idiot!
Hektisch ließ Josefa den Rosenkranz durch die rissigen Finger gleiten. Als auch das nichts half, stand sie auf, stieg im Dunklen die Stiege hinunter und füllte der getigerten Katze, die in zehnter oder elfter Generation zum Hof gehörte, noch etwas Milch in die Schale vor der Tür.
Als der Tag im Osten grau anbrach, trieben Wolken über den Geißschädel. Als Korbinian kurz darauf den warmen Mist aus dem Stall fuhr und vom Schubkarren kippte, hatten sie sich aufgelöst, und der Himmel versprach klar und blau zu werden. Noch vor dem Waschen und Haareflechten zog Vroni das kleine Mädchen vor die Tür. Es war ausgerechnet der Tag des Heiligen Ludwig, der Namenspatron des toten Bauern, und es tropfte. Pling, plang, dong.
»Hörst du’s Rosl, hörst du’s?«