Kapitel 1
»Du passt da nicht rein!« –
Zu viel und niemals genug
Mein Herz klopft wie wild. Mein Atem wird immer schneller. Ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Mit meinen zwölf Jahren stehe ich in der Modeabteilung eines Kaufhauses, ein Ort, den ich überhaupt nicht leiden kann. Dabei liebe ich es, shoppen zu gehen. Nur eben keine Kleidung. Ich will hier weg, doch ich brauche neue Anziehsachen. Mein Bauch ist etwas runder als bei den meisten anderen Kindern in meinem Alter, genauso mein Gesicht; meine langen braunen Haare verdecken es aber ein wenig, wenn ich sie offen trage. Das rät man mir auch immer.
Eine Verkäuferin steuert auf mich zu. »Wie darf ich helfen?«, fragt die Frau. Ehe ich antworten kann, fährt sie fort: »Ah ja, ich sehe schon, du musst in die Erwachsenenabteilung. Hier in der Kinder- und Jugendabteilung findest du mit deiner Figur nichts mehr.« Autsch. Das tut weh. Ich bin noch so klein und weiß bereits: Hier gibt es nichts für mich. Was ich noch nicht weiß, ist, dass es nicht meine Schuld ist, dass für Kinder keine Körperformen mitgedacht werden. Entweder man passt in eine Standardgröße, oder man hat halt Pech gehabt. So als würden Kinderkörper alle einer einzigen Norm entsprechen, dabei wiegen wir ja schon von Geburt an komplett unterschiedlich. Eine Weile konnte ich noch Kleidung für größere Kinder tragen, trat dann aber immer auf den Hosensaum. Mittlerweile passt davon nichts mehr.
Die Verkäuferin lotst mich in die Damenabteilung, um mich herum Personen, die mindestens dreimal so alt sind wie ich. Meine Scham – riesig. Mein Gesicht – heiß und wahrscheinlich rot. »Mit deiner kräftigen Figur solltest du auf keinen Fall mädchenhafte Kleidchen oder Röcke tragen, das ist schon mal klar. Keine Spaghettiträgertops oder irgendwas, wo man viel Haut sieht«, sagt die Verkäuferin. »Wir suchen dir weite Hosen, lockere Shirts, etwas, das deinen Bauch auf jeden Fall kaschiert. Was Sportliches.« Wieso sportlich?, frage ich mich. Ich höre doch sonst immer von allen Seiten, dass ich eben nicht sportlich sei, gar nicht sportlich sein könne, weil meine Figur rundlicher ist als die der anderen Kinder. Die Art, wie die Verkäuferin über meine Figur spricht, verschafft mir ein ekliges, beklemmendes Gefühl, das ich kaum beschreiben kann. Mein Kopf brummt. Sie schickt mich zur Anprobe. Ich höre, wie die Vorhänge in den Umkleidekabinen auf- und zugezogen werden. Glücklich aussehende Frauen und Kinder mit vollen Einkaufstüten ziehen draußen vorbei. Welche Kleidung habe ich in den vergangenen Minuten eigentlich anprobiert? Habe ich überhaupt irgendetwas anprobiert? Ich weiß es nicht. Ich höre die Stimme der Verkäuferin jetzt nur noch wie durch Watte, spüre nichts mehr. Sie mustert mich von oben bis unten und verabschiedet sich leicht kopfschüttelnd. Ich verlasse das Geschäft, ohne ein einziges Teil gekauft zu haben. Das ist nichts Neues. So läuft eigentlich jede Shoppingtour ab. Der Gedanke daran, einen eigenen Stil zu entwickeln, mich und meine Persönlichkeit über Kleidung zu entdecken, so wie es für viele andere in meinem Alter ganz natürlich ist, liegt mir fern. Im Gegenteil.
Wertlos. Hässlich. Faul. Undiszipliniert. Unsportlich. Ekelhaft. Ungesund. Wenig liebenswert. Das bin ich. Diese Attribute haben sich früh auf meine Festplatte gebrannt, selbstzerstörerische Gedankenfetzen. Das Einzige, was mich da rausholen kann? Schlank sein. Eines Tages endlich schlank sein, denke ich. Und es wird mir von allen Se