: Julia Kremer
: #RespectMySize Wie ich lernte, mich selbst zu lieben und gegen Vorurteile zu kämpfen
: Blanvalet Verlag
: 9783641285623
: 1
: CHF 2.70
:
: Gesellschaft
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
„Für deine Figur hast du aber ein hübsches Gesicht“, „Du bist ja mutig! Mit deiner Figur würde ich mich nicht trauen, das Kleid zu tragen“ oder „Ich fühle mich heute so fett“.

Das sind Sätze, die wir alle schon einmal gehört oder vielleicht sogar selbst gesagt haben.
Warum Fett kein Gefühl ist und was sich eigentlich hinter dieser Aussage versteckt, erklärt Julia Kremer. Seit über zehn Jahren setzt sie sich für mehr Körper- Diversität und gegen Vorurteile ein. Auf der Reise zu mehr Selbstbewusstsein wurde ihr klar, wie allgegen- wärtig Bodyshaming und Diskriminierung sind. Im Dialog unter anderem mit einer Antidiskriminierungsex- pertin, einem angehenden Arzt und Weiteren geht sie folgenden Fragen auf den Grund:
Wofür steht Body Positivity wirklich? Was ist Thin Privilege? Und warum geht es vielen Menschen eigentlich gar nicht wirklich um die Gesundheit dicker Menschen?

2021 wurde Julia Kremer zur Miss Hamburg gewählt und nahm als erste Plus-Size-Kandidatin bei Miss Germany teil. Zusammen mit Verena Prechtl startete sie die Kampagne #RespectMySize, in der sie sich gegen die Diskriminierung mehrgewichtiger Menschen einsetzten und Vorurteile sichtbar machten. Im Jahr darauf launchten sie den gleichnamigen Podcast.
Mit ihrem ersten Buch #RespectMySize möchte Julia Kremer mit Vorurteilen brechen, neue Perspektiven eröffnen und Menschen Mut geben, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, um Frieden mit sich selbst zu schließen.

Kapitel 1
»Du passt da nicht rein!« –
Zu viel und niemals genug


Mein Herz klopft wie wild. Mein Atem wird immer schneller. Ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Mit meinen zwölf Jahren stehe ich in der Modeabteilung eines Kaufhauses, ein Ort, den ich überhaupt nicht leiden kann. Dabei liebe ich es, shoppen zu gehen. Nur eben keine Kleidung. Ich will hier weg, doch ich brauche neue Anziehsachen. Mein Bauch ist etwas runder als bei den meisten anderen Kindern in meinem Alter, genauso mein Gesicht; meine langen braunen Haare verdecken es aber ein wenig, wenn ich sie offen trage. Das rät man mir auch immer.

Eine Verkäuferin steuert auf mich zu. »Wie darf ich helfen?«, fragt die Frau. Ehe ich antworten kann, fährt sie fort: »Ah ja, ich sehe schon, du musst in die Erwachsenenabteilung. Hier in der Kinder- und Jugendabteilung findest du mit deiner Figur nichts mehr.« Autsch. Das tut weh. Ich bin noch so klein und weiß bereits: Hier gibt es nichts für mich. Was ich noch nicht weiß, ist, dass es nicht meine Schuld ist, dass für Kinder keine Körperformen mitgedacht werden. Entweder man passt in eine Standardgröße, oder man hat halt Pech gehabt. So als würden Kinderkörper alle einer einzigen Norm entsprechen, dabei wiegen wir ja schon von Geburt an komplett unterschiedlich. Eine Weile konnte ich noch Kleidung für größere Kinder tragen, trat dann aber immer auf den Hosensaum. Mittlerweile passt davon nichts mehr.

Die Verkäuferin lotst mich in die Damenabteilung, um mich herum Personen, die mindestens dreimal so alt sind wie ich. Meine Scham – riesig. Mein Gesicht – heiß und wahrscheinlich rot. »Mit deiner kräftigen Figur solltest du auf keinen Fall mädchenhafte Kleidchen oder Röcke tragen, das ist schon mal klar. Keine Spaghettiträgertops oder irgendwas, wo man viel Haut sieht«, sagt die Verkäuferin. »Wir suchen dir weite Hosen, lockere Shirts, etwas, das deinen Bauch auf jeden Fall kaschiert. Was Sportliches.« Wieso sportlich?, frage ich mich. Ich höre doch sonst immer von allen Seiten, dass ich eben nicht sportlich sei, gar nicht sportlich sein könne, weil meine Figur rundlicher ist als die der anderen Kinder. Die Art, wie die Verkäuferin über meine Figur spricht, verschafft mir ein ekliges, beklemmendes Gefühl, das ich kaum beschreiben kann. Mein Kopf brummt. Sie schickt mich zur Anprobe. Ich höre, wie die Vorhänge in den Umkleidekabinen auf- und zugezogen werden. Glücklich aussehende Frauen und Kinder mit vollen Einkaufstüten ziehen draußen vorbei. Welche Kleidung habe ich in den vergangenen Minuten eigentlich anprobiert? Habe ich überhaupt irgendetwas anprobiert? Ich weiß es nicht. Ich höre die Stimme der Verkäuferin jetzt nur noch wie durch Watte, spüre nichts mehr. Sie mustert mich von oben bis unten und verabschiedet sich leicht kopfschüttelnd. Ich verlasse das Geschäft, ohne ein einziges Teil gekauft zu haben. Das ist nichts Neues. So läuft eigentlich jede Shoppingtour ab. Der Gedanke daran, einen eigenen Stil zu entwickeln, mich und meine Persönlichkeit über Kleidung zu entdecken, so wie es für viele andere in meinem Alter ganz natürlich ist, liegt mir fern. Im Gegenteil.

Wertlos. Hässlich. Faul. Undiszipliniert. Unsportlich. Ekelhaft. Ungesund. Wenig liebenswert. Das bin ich. Diese Attribute haben sich früh auf meine Festplatte gebrannt, selbstzerstörerische Gedankenfetzen. Das Einzige, was mich da rausholen kann? Schlank sein. Eines Tages endlich schlank sein, denke ich. Und es wird mir von allen Se