: Karen Jennings
: Eine Insel Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641292867
: 1
: CHF 8.00
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: Erzählende Literatur
: German
: 240
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Leuchtturmwächter Samuel lebt seit zwanzig Jahren allein auf einer Insel vor der südlichen Küste Afrikas. Abgesehen von dem Schiff, das alle zwei Wochen anlegt, um ihn zu versorgen, hat er kaum Kontakt zur Außenwelt. Dann findet er am Strand einen bewusstlosen Geflüchteten und nimmt ihn bei sich auf. Je länger sich Samuel um den Mann kümmert, desto mehr Erinnerungen kommen in ihm hoch, an Unterdrückung, Freiheitskampf, dem Verlust seiner Familie und dem Regime eines grausamen Diktators, und sein jahrzehntealtes Trauma droht die Beziehung zu seinem Schützling zu zerstören.

Karen Jennings, geboren 1982 in Kapstadt, hat bereits fünf Romane und einen Gedichtband veröffentlicht und ist Dozentin an der Stellenbosch University. »Eine Insel« (Blessing 2022) war das erste ihrer Bücher, das auf Deutsch erschien, und wurde 2021 für den Booker Prize nominiert. Karen Jennings lebt in Kapstadt.

Zum ersten Mal lag ein Ölfass am Kiesstrand der Insel. Dabei war im Laufe der Jahre alles Mögliche angespült worden – zerfetzte Hemden, Taue, kaputte Plastikdeckel von Lunchboxen, geflochtene Zöpfe aus täuschend echt aussehendem Kunsthaar. Leichen. So auch heute wieder. Hingestreckt neben dem Fass, die eine Hand danach gereckt, als hätten beide, Leiche und Fass, die Reise zusammen angetreten und wollten nun nicht mehr voneinander lassen.

Durch eines der kleinen Fenster im Leuchtturm hatte Samuel, als er am Morgen vorsichtig nach unten gestiegen war, zunächst nur das Fass entdeckt. Er musste beim Treppensteigen gut aufpassen. Die alten Steinstufen waren die reinsten Stolperfallen – glatt und in der Mitte stark ausgetreten. Wo der Beton es zuließ, hatte er Eisengriffe montiert, aber auf dem Rest der Treppe musste er sich mit ausgebreiteten Armen an den Wänden entlangtasten, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Das Fass war aus Plastik, blau wie ein Blaumann, und während Samuel zum Strand hastete, dümpelte es vor ihm in der Dünung. Die Leiche sah er erst, als er unten angekommen war. Er machte einen Bogen darum und besah sich das Fass aus der Nähe. Es war so dick wie ein Präsident und hatte, soweit er erkennen konnte, weder Risse noch Löcher.

Er hob es vorsichtig an. Es war leer, das Spundloch dicht. Trotz des geringen Gewichts war es erstaunlich unhandlich. Mit seinen knotigen Händen würde es Samuel nicht gelingen, es über den steinigen Strand, die Felsen und auf dem sandigen Weg durch Gestrüpp und Gräser nach oben, bis zu seinem kleinen Haus neben dem Leuchtturm zu bugsieren. Wenn er es schaffte, sich das Fass mit einem Seil auf den Rücken zu binden, bräuchte er die alte Holzschubkarre nicht zu holen, die mit ihrem halb zersplitterten Rad überall hängen blieb und dauernd umkippte, weil sie so schwer war.

Ja, das Fass huckepack zu nehmen wäre wohl die beste Lösung. Anschließend würde er aus dem Sammelsurium aus morschen Planken und Planen im Hof seine rostige Bügelsäge ausgraben, das Blatt abschmirgeln und so gut wie möglich schleifen, das Fass oben aufsägen und an die Hausecke stellen, wo immer die Regenrinne überlief, um darin Wasser für den Gemüsegarten zu sammeln.

Samuel ließ das Fass los. Es taumelte auf dem unebenen Untergrund hin und her und klatschte gegen den Arm des Toten. Den hatte er völlig vergessen. Er seufzte. Es würde ihn den ganzen Tag kosten, die Leiche zu beseitigen. Den ganzen Tag. Erst abtransportieren und dann begraben – wobei auf der felsigen Insel mit der dünnen Sandschicht ein Begräbnis sowieso nicht infrage kam. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Toten mit St