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Emma
Kennen Sie Brighton? Dieses quirlige Städtchen an der Südküste Englands? Mit seinen bunten Häuserfassaden, den angesagten Shops, mit seinem ewig feuchten Kiesstrand? Es ist das bekannteste Seebad des Landes, heißt es. Es gibt eine Seebrücke, das Gerippe einer Seebrücke und einen Aussichtsturm, der es ermöglicht, beides aus einer hundertdreiundsiebzig Meter hohen Vogelperspektive zu betrachten.
Fragen Sie den Reiseführer, ist Brighton das London am Meer. Fragen Sie meine Mutter, ist es der Ort all derer, die gern etwas ausgefallener leben – und nicht zu genau dabei beobachtet werden wollen. Für mich bedeutet Brighton Heimat. Aufwachen zum Geschnatter der Seevögel. Nachmittage mit Freundinnen am Pier. Es bedeutet Sonnenuntergänge am Strand und erste Küsse auf dem Riesenrad. Es bedeutet, die Bäckerin im Viertel zu kennen und den Mann hinter dem Postschalter, und auf dem Weg zum Bahnhof der alten Mrs. Granton über die Straße zu helfen, weil das mit dem Laufen in jüngster Zeit immer schwieriger geworden ist. Es bedeutet, die Liebe seines Lebens bereits in der Schule zu finden.
Vor sechsundzwanzig Jahren wurde ich, Emma Brook, in Brighton geboren und kann mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Weshalb das mit dem Pendeln kein Problem für mich darstellt. Ehrlich nicht. Ich habe mich wissentlich, freiwillig und gern darauf eingelassen, jeden Morgen an jedem Werktag der Woche in den Zug zu steigen, um nach London zu fahren und meiner Arbeit nachzugehen, weil ich es nicht übers Herz bringe, mein beschauliches Leben in meiner Lieblingsküstenstadt aufzugeben. Es macht mir nichts aus. Ich stehe gern früh auf. Bevor der Zug um fünf Uhr achtzehn aus dem Bahnhof in Richtung Norden rollt, habe ich mir bereits eine Stunde Yoga einverleibt sowie den Podcast zum ThemaWie bringe ich mehr Effizienz in meinen Alltag.
Das war natürlich ein Scherz. Alles andere aber ist wahr.
Ich arbeite seit viereinhalb Jahren beiTen to Twelve im Westen von London und schaffe es nach wie vor nur knapp, den Zug zu erwischen, einen Kaffee in der einen, ein Croissant in der anderen Hand. Damit lasse ich mich in den Sitz fallen, bevorzugt in den mit der Nummer 86, gleich rechts hinter dem Einstieg in den letzten Wagen, unmittelbar vor der Kofferablage. Eine Platzreservierung ist in der Regel nicht notwendig, zumindest nicht so früh am Morgen, und eben weil es so früh ist, habe ich den Doppelsitz in vier von zehn Fällen sogar für mich allein. Ich hoffe sehr, heute ist auch so ein Tag. Bitte, lieber Gott des Zugverkehrs, mach, dass ich mich einfach in diesen freien Sitz fallen lassen, die Lider schließen und für einen Moment vergessen kann, was diese Augen gestern Abend sehen mussten.
Es fing auffallend harmlos an. Meine Schwester Amy und ich kamen wie immer ausgehungert von einem Abendessen bei den Eltern zurück, als Amys Freundin Carly uns beim Kühlschrankplündern erwischte. Carly ist klein, burschikos, forsch, aber herzlich, sie studiert Sozialpädagogik und arbeitet nebenher für einen Verein, der mit einem mobilen Spielbus Kinder auf Veranstaltungen bespaßt. Weil dieser Job allerdings nur halb so viel Geld abwirft, wie er Carly Vergnügen bereitet, jobbt sie die restliche Zeit in einem Pub nam