: Kathrin Kolloch
: Die Gier
: Spica Verlag
: 9783985030477
: 1
: CHF 15.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 420
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Ein in einer idyllischen Kleinstadt lebendes Mädchen ist spurlos verschwunden. Es war ein folgsames Kind und wusste, dass es sich nicht weit vom Haus entfernen durfte. Als Regen einsetzte und sich verstärkte, brachen die Kinder ihr Spiel ab. Einige flüchteten in den Hintereingang des Hauses, doch Magdalena war der Gang durch den Keller untersagt. Sie nahm den Weg zum Vordereingang des Hauses, kam aber nie in der Wohnung ihrer Großeltern an ... Verbrechen an Kindern lösen bei allen Entsetzen aus. Doch was passiert, wenn zuständige Ermittlungsbeamte entscheiden, es könne nichts weiter getan werden, um ein Verbrechen aufzuklären, und letztlich für Angehörige von Opfern oder für an der Aufklärung interessierte Personen kein Rechtsweg für neue Ermittlungsansätze off en ist? Wenn Verbrechen an Kindern einerseits immer als etwas ganz Schlimmes hingestellt und durch die Medien gezerrt werden, die Ermittlungen andererseits aber im Sande verlaufen, mutet es einem unvoreingenommen Betrachter schon fast bigott an. Die Autorin wendet sich mit ihrem neuen Buch diesem gesellschaftlichen Problem zu und zeigt - inspiriert von einem tatsächlich geschehenen Verbrechen - die tiefen Abgründe der menschlichen Seele und die damit einhergehenden Grenzen des bestehenden Rechtssystems.

Kathrin Kolloch ließ sich nach ihrer mit einer Überprüfung verbundenen Übernahme in den gesamtdeutschen Justizdienst als Richterin entpflichten, um mehr als 27 Jahre sehr erfolgreich als Rechtsanwältin zu praktizieren. Ihre Vorliebe galt dem Straf- und Familienrecht, beides Rechtsgebiete, die einen tiefen Einblick in die menschliche Seele ermöglichen. Die Idee, Geschichten - aus ihrer Praxis inspiriert - mit frei erfundenen Personen und Handlungen zu einer Septologie zu verbinden, entstand, als sie 2008 selbst in das Visier der Justiz geriet. Nach ihrer Verurteilung im Jahr 2012 sollte es noch drei Jahre dauern, bis sie herausfand, dass diese auf einem gefälschten Protokoll der Hauptverhandlung, manipulierten Zeugenaussagen, einer wahrheitswidrigen Erklärung des verurteilenden Richters und einer frisierten Akte basiert.
4. Kapitel

Das Gerät schaltete sich wie von Geisterhand betrieben ein. Lautlos schwenkte sich der Fernseher in die Richtung des Zuschauers. Die Stille im Zimmer wurde nun unterbrochen durch das Klicken des Videorekorders. Der Bildschirm begann zu flimmern. Die ersten Bilder ploppten auf.

Der Mann begann schwer zu atmen. Er hatte sich diese Kassette wieder und wieder angesehen. Immer dann, wenn es ausgeschlossen schien, dass seine Frau ihn überraschen konnte. Auch heute brauchte er nicht zu befürchten, dass sie ihn erwischte. Jede Woche um diese Zeit trieb sie Sport. Er wusste, dass sie es seinetwegen tat. Sie wollte ihm gefallen, um jeden Preis. Sie versuchte ihm seine Wünsche von den Lippen abzulesen. Trotzdem liebte er sie nicht mehr und ihm war klar, dass sie es wusste. Er fühlte sich leer. Diesen Verlust würde er niemals überwinden. Zu schmerzlich war die Erinnerung. Vor allem nachts, wenn er wach in seinem Bett lag und nicht wieder einschlafen konnte. Er versank in seine Gedanken und nahm die vorbeiziehenden Bilder nur flüchtig wahr. Doch jetzt. Da war sie, die Liebe seines Lebens. Sie saß neben dem Moderator und sah blendend aus, obwohl sie traurig zu sein schien. Er spürte förmlich ihre Nähe. Wenn er sich konzentrierte, roch er den Duft ihrer Haut. Wie oft hatte er sie in seinen Armen gehalten und sein Gesicht in ihr Haar vergraben. In seinen einsamen langen wachen Nächten konnte er ihre Stimme hören, ihr Lachen und ihr zärtliches Flüstern. Damals war er überzeugt, dass sich diese Nähe niemals ändern würde. Seine Liebe zu ihr reichte für das ganze Leben. Auch sie konnte nicht genug von ihm bekommen. Das allerdings sollte sich ändern. Noch heute fragte er sich nach demWarum. Er fand, sosehr er sich auch mühte, keine Erklärung.

Der Moderator beendete gerade seine Einleitung. Jetzt wandte er sich ihr zu.

Die Kamera zeigte beide in Großaufnahme.

Der Mann betätigte seine Fernbedienung. Das Bild hielt an.

An diesem Tag war sie dezent geschminkt. Der Lidschatten brachte ihre Augenpartie voll zur Geltung.

Der rote Lippenstift betonte die schöne Form ihrer Lippen. Sie trug eine helle Bluse unter ihrem dunkelblauen Kostüm. Ihr kurzer Rock brachte ihre schlanken Beine gut zur Geltung. Strümpfe und Schuhe passten farblich, wie immer, gut zu dem Rest ihrer Kleidung. An ihrer Hand trug sie den Brillantring, den er ihr schenkte, nachdem sie sich beide ewige Liebe geschworen hatten. Auch die Uhr an ihrem Handgelenk stammte von ihm. Diese hatte er ihr aus einer Laune heraus geschenkt. Sie waren beide über die teuerste Einkaufsmeile der Republik gebummelt, als sie plötzlich vor einem Juwelier stehen blieb. Eine goldene Uhr besetzt mit Diamanten zog sie in den Bann. Er musste nicht lange überlegen, denn sie hätte alles von ihm haben können. Vor Freude hatte sie sich an ihn gepresst und ihn umarmt. Der Mann konnte ihren biegsamen Körper an seinem spüren. Er stöhnte und atmete schwer. Dann betätigte er erneut die Fernbedienung und vernahm die mitleidsvolle Stimme des Moderators.

„Frau Riefe. Sie sind die Mutter eines vermissten Kindes. Ihre Tochter Magdalena war 10 Jahre, als sie spurlos verschwand. Können Sie von Ihren Gefühlen berichten, seitdem Ihre Tochter vermisst wird?“

„Selbstverständlich. Es gehen einem in dieser Situation viele Fragen durch den Kopf. Ist sie tot oder lebt sie noch? Liegt sie irgendwo verscharrt? Was soll ich nur meinem kleinen Sohn sagen, was mit seiner Schwester passiert ist?“

„Zur Erläuterung für unsere Zuschauer. Frau Riefe war schwanger, als ihre Tochter vermisst wurde, und wollte ein paar Tage später heiraten.“

„Richtig. An diesem Abend hatten mein Mann und ich eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier. Magdalena wurde daher von meinen Eltern betreut. Wir wohnten damals bei der Mutter meines Mannes. Ich habe daher erst am nächsten Tag davon erfahren, dass sie verschwunden war.“

„Was fühlten Sie da?“

„Das ist ein schmerzlicher Verlust. Mir wurde mein Kind weggenommen und ich konnte ihm nicht helfen. Diese Ohnmacht, schrecklich, Gefühle, die man nicht beschreiben kann.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Der Moderator zog ein Taschentuch aus seinem Rev