: Reinhard Wosniak
: Felonie
: Spica Verlag
: 9783946732778
: 1
: CHF 17.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 598
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dieses Buch ist die Geschichte Max Guttentags, dem seine erste Liebe samt ihrem hoffnungslosen Ende in einem französischen Kriegsgefangenenlager widerfuhr. Es ist auch die Geschichte derer, die er danach liebte und die ihn liebten - zumindest eine Zeit lang - und die er alle verließ, um etwas zu suchen, von dem er nichts als eine Vorstellung hatte, eine Vorstellung, die er für unteilbar hielt ... Geschrieben fünfzig Jahre nach den Geschehnissen, in aller Ratlosigkeit und nur um dieses und jenes festzuhalten.

Reinhard Wosniak, geb. 1953, wuchs in bäuerlichen Verhältnissen auf, absolvierte ab 1972 ein Studium der Schiffstechnik in Rostock und promovierte auf dem Gebiet der Hydraulik. In dieser Zeit schrieb er in seiner Freizeit Lieder, und war Mitglied einer Band. Bis 1990 arbeitete er in einem Ingenieurbüro für Landtechnik, ab 1993 bei der Kassenärztlichen Vereinigung. In der Wendezeit war er für mehrere Zeitungen und für den Rundfunk tätig, schrieb Kultur-Rezensionen und veröffentlichte erste Feuilletons. Ab 1993 trat er als Autor und in der Folge seines Erstlingsromans 'Stilicho' (1989) in größeren Abständen mit schriftstellerischen Werken an die Öffentlichkeit. Er schrieb Essays, Feuilletons und war eine Zeit lang Mitherausgeber einer gesundheitspolitischen Schriftenreihe. Nach dem deutsch-deutschen heiteren Wende- Roman 'Sie saß in der Küche und rauchte' (1995) entstanden dieser Roman 2013, 'Die Kinder des Mondes' (2018) sowie der Gegenwartsroman 'Die Nacht der Ameisen' (2020). Alle drei Bücher sind unabhängig voneinander lesbar, stellen aber gemeinsam die Trilogie 'Die Villa' dar. Reinhard Wosniak war verheiratet, hatte eine Tochter und lebte am Schweriner See. Er schrieb die beiden letzten Romane trotz schwerer Krankheit und verstarb im Mai 2020.

Weiser stehen auf den Straßen,
Weisen auf die Städte zu,
Und ich wandre sonder Maßen,
Ohne Ruh, und suche Ruh.

Einen Weiser seh ich stehen
Unverrückt vor meinem Blick:
Eine Straße muß ich gehen,
Die noch keiner ging zurück.

Friedrich Müller: „Winterreise“

Die von Veteranen des ersten Krieges eskortierte Karawane aus Leiterwagen, Handkarren und geschobenen Fahrrädern machte sich in der Morgendämmerung des zwanzigsten Januar auf den Weg nach Westen. Ein lahmer Tausendfüßler aus Frauen, Kindern, Greisen und Pferden kroch über Landstraßen und verschneite frostharte Felder in Richtung Sachsen, verfolgt vom glühenden Atem der näherrückenden Front, beobachtet von Bombern und Jagdfliegern und von riesigen Krähenschwärmen, die Beute machen wollten. Der Tod kam meistens leise, seine Waffen waren Kälte, Wind, Krankheit und Hunger, und er senkte sich auf die unheimliche Stille des Zuges wie ein Leichentuch.

Den vier Frauen auf dem Leiterwagen war kurz vor Aufbruch noch eine Kriegswitwe aus dem Nachbardorf, namens Katharina Scheer, mit ihren zwei Kindern zugewiesen worden. Hanna hatte die Kleinen, deren blondes Engelshaar aus dicht geschnürten Wollmützen quoll, in die Mitte des Wagens zwischen Maria Guttentag und Agnes Schober gehoben, dass die sie wärmen sollten, so gut es ging. Sie hatte für einen Augenblick das hilflose Vertrauen aus den warmen Bündeln in ihren Armen gespürt wie einen unverhofften Gruß des Lebens. „Gott möge es ihnen vergelten“, hatte die schöne Frau demutsvoll in einem herben Dialekt gesagt und sich bekreuzigt, worauf Hanna ihr widerstandslos und überrascht die Hand überlassen und mit offenem Mund zugesehen hatte, wie Katharina Scheer ihr den Handschuh aus Kaninchenfell vom Handrücken gezogen und einen langen Kuss auf die Haut gedrückt hatte.

Es brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass auf Nebenstraßen, auf frostharten und verschneiten Feldwegen, wo havarierte Wagen und verzweifelt Gestrandete das Vorwärtskommen hinderten, nicht nur Glück, sondern auch Umsicht und Entschlossenheit gefordert waren. Hanna drängte ihre Mutter, hinten auf dem Wagen unter den anderen zu sitzen, und führte selbst das Gespann – nicht vom Bock aus, sondern meistens zu Fuß. Nach wenigen Tagen hatten sich ihre Augen an die Landschaft des Todes gewöhnt, sie umfuhr geschickt und energisch die grabesstillen Biwaks derer, die vom Zufall aus dem Treck geschnitten waren und in ihren Freilagern auf das Ende warteten. Aus deren Mitte schien ihr die Kälte noch kälter zu kommen, um direkt ans Herz zu fassen. Sterbende suchten dort nach Essbarem, angestarrt von den Augen der schon Erfrorenen. Die Welt versank in erbarmungslose Härte. Hanna wappnete ihr Herz. Sie vermied die Verlockungen von Pausen und wärmenden Feuern, um rechtzeitig vor Anbruch der Nacht an einem der ausgewiesenen Rastplätze anzukommen – in hastig geräumten Schulgebäuden, Scheunen oder ungenutzten Kasernen. Hatte sie einen Stellplatz für das Gespann gefunden, rieb sie die Pferde trocken, legte ihnen wärmende Decken über und warf ihnen Hafer vor. Sie ließ sie angeschirrt und ging erst, nachdem sie die Ration aufgefressen hatten, denn neben den Bildern des Todes hatte sie in diesen Tagen auch die Bilder der Selbstsucht und der Grausamkeit gesehen und gelernt, ihr Hab und Gut zu verteidigen. Ihre mandelförmigen Augen ruhten mit einer so katzenhaften Aufmerksamkeit auf allem, was um den Wagen herum geschah, dass ihre Mutter sich beruhigt um dessen hilflose Passagiere kümmern konnte. Und wenn in diesen Wochen etwas Tilda Wildenschwerts Herz wärmte, dann war es der Stolz auf den kühlen Verstand und die Stärke ihrer Tochter.

Anfang Februar erreichten sie die Grenze nach Sachsen. Wohl wissend, dass sechshunderttausend ihrer Landsleute an den Elbufern bei Dresden kampierten, um bei nächster Gelegenheit in die Heimat zurückzukehren, entschieden sie sich für den Weg nach Nordwesten. Ihr Instinkt misstraute der Stadt, als wäre sie eine Falle. Und tats