Il Frecciargento
Papa Federico hatte beruflich in Bozen zu tun. Um Chiara auf andere Gedanken zu bringen, setzte er sich mit Nachdruck dafür ein, dass sie ihn begleitete. Es war viel Überzeugungsarbeit notwendig, bis sie schließlich einwilligte.
Er konnte sie letztendlich überreden, indem er ihr etwas Besonderes anbot: eine Zugfahrt in einem der neuen Hochgeschwindigkeitszüge, dem Frecciargento, dem Silberpfeil. Das war eine Abwechslung für Chiara, dem leicht verwöhnten Einzelkind aus einer wohlhabenden italienischen, zweisprachigen Familie, die ihre Wege immer nur in komfortablen Karossen zurücklegte. Sie war daran gewöhnt, von einem Chauffeur in die Schule gebracht zu werden. Aber vor kurzem war alles anders geworden. Vor vierzehn Monaten war ihre Mama sehr schnell an Krebs gestorben. Und vor zwölf Monaten hatte sie diesen schrecklichen Unfall. Seitdem gab es außer Krankenhausaufenthalten und Trauerarbeit keine Abwechslung mehr.
Nun standen sie am Bahnhof von Verona und warteten auf den Frecciargento. Papa Federico war ein sportlicher, schlanker, für einen Italiener hochgewachsener Mann von 1,93 m. Er hatte kurze, lockige Haare, die begannen grau zu werden. Und eine hohe Stirn, unter der sich blaue Augen, umrandet von Lachfältchen, befanden. Den halbergrauten Bart trug er sehr kurz geschnitten, etwas länger als einen Dreitagebart. Das Gesicht war leicht länglich mit einer perfekten Nase und schmalen Lippen. Gekleidet war er in Businesslook, in Anzug mit weißem Hemd und mit Krawatte.
An seiner rechten Seite stand Chiara im Sommerkleid, passend zur Hitze. Chiara war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie hatte die gleichen blauen Augen, die durch das blaue, mit weißen Tupfen aufgelockerte Sommerkleid noch hervorgehoben wurden. Das Kleid war in der Taille gefasst und hatte Spaghettiträger. Dazu trug Chiara weiße Zehensandalen. Über die Schulter hatte die junge Dame locker ein weißes Jäckchen gehängt. Und mit den langen, leicht gelockten, blonden Haaren, die sie offen trug, erinnerte sie an einen Engel.
Plötzlich stand der Frecciargento neben ihr. Er war so leise, dass sie ihn nicht kommen gehört hatte. In Gedanken versunken befand sie sich in einer anderen Welt. Aufgewacht konnte sie nur staunen. Dieser Frecciargento war ein hochmoderner, silbergrauer Hochgeschwindigkeitszug. Unterstrichen wurde die Wirkung von Hypermodernität und Geschwindigkeit durch die roten Streifen unten und oben entlang des Zuges sowie durch die lange „Schnauze“. Fenster, Lichter sowie die roten Streifen liefen spitz nach unten aus und betonten so das futuristische Aussehen des Zuges. Das Design machte dem Namen alle Ehre. Da stand ein Pfeil auf dem Bahnsteig, der mit einer Geschwindigkeit von 250 km von Verona nach Bozen fahren würde.
Am Arm ihres Vaters stieg Chiara in den Zug ein. Sie durchquerten mehrere Zweite-Klasseabteile, die an sich schon komfortabel genug waren, bis sie schließlich im noch geräumigeren Abteil der ersten Klasse an einem Tisch Platz nahmen. Chiara ließ sich in einen Sessel gegenüber von Federico fallen. Santa Maria, dachte dieser, wie blass seine große Kleine immer noch war. Traurig schauten die blauen Augen in die Welt.
Der Zug begann wieder anzurollen, als sich eine dunkelhäutige junge Frau neben ihn setzte. Sie zitterte am ganzen Körper. Er warf ihr freundliche Blicke zu, um ihr zu signalisieren: „Ich tue dir doch nichts.“
Das Herz schlug ihr bis zum Halse, merkte Bayan. Gerade noch geschafft. Sie war hinter dem Rücken des Schaffners, der nach links verschwand, eingestiegen. Deshalb bog sie ins rechte Abteil ab.
Aber wo sollte sie sich hinsetzen? Dem Schaffner durfte sie nicht begegnen. Also musste sie sich so setzen, dass sie die Türe zum Abteil und das Abteil davor beobachten konnte.Heilige Maria, Mutter Gottes, hilf mir, fing sie an zu beten. Und ließ sich vor Erschöpfung neben Federico nieder, der ihr beruhigend wirkende, freundliche Blicke zuwarf. Nach und nach hörte das Zittern auf und sie warf einen Blick auf das junge Mädchen, das ihr gegenübersaß.
Heilige Maria, Mutter Gottes, es gibt ja w