Prolog
„Ich gehe in acht Wochen nach Berlin. Dann sind Sie mich los.“
Gerald wiegte den Kopf. „Je eher, desto besser.“
Er saß in einem der beiden Sessel in der Dachwohnung seiner verstorbenen Haushälterin Tilly Puvogel. Seine Blicke schweiften durch das gemütliche Zimmer mit einem runden Tisch, zwei Sesseln, einem Sofa für zwei Personen und einem Schrank, auf dem sich ein kleiner Fernseher befand. Auf der Seite gegenüber dem Fenster stand ein altmodisches Buffet aus Nussbaumholz mit einer Uhr, deren Uhrwerk mit einem winzigen Schlüssel aufgezogen werden musste. Die Zeiger waren stehen geblieben und gaben eine falsche Zeit an. Lürßmanns Blick glitt nach links, ein Paravent verdeckte die Sicht auf das dahinter verborgene Bett. Wer hatte darin geschlafen? Seine verstorbene Haushaltshilfe oder der Bengel? Lürßmann hatte fast vergessen, dass Hinnerk ebenfalls im Zimmer war und ihn gelassen ansah. Er räusperte sich. „Der Tod deiner Großmutter tut mir leid, Junge, aber du musst verstehen, ich brauche die Wohnung für meine neue Haushaltshilfe.“
Der junge Mann vor ihm musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. „Sie haben doch noch niemanden für die Stelle. Ich kann Ihnen für die beiden Monate auch Miete zahlen.“
Das fehlte noch. Je eher dieser renitente Bengel verschwand, desto besser. Er hatte Lust, Hinnerk eine Abreibung zu verpassen. Erst vor kurzem hatte er herausgefunden, dass dieser Bursche, der Sohn einer Versagerin, eines Flittchens, einer stadtbekannten Säuferin, mit seiner Tochter schlief. Mit seiner schönen, kultivierten und klugen Ina. „Woher willst du wissen, ob die Stelle besetzt ist?“
„Weil Ina es mir erzählt hätte.“
„Ina ist bei ihrer Tante in Quedlinburg, wie du weißt. Sie hat noch nichts von der neuen Haushälterin erfahren. Ich muss auch noch renovieren.“ Sein Blick glitt über die Einrichtung. Eine leichte Staubschicht hatte sich auf die Möbel gelegt. Feine Partikel tanzten im Sommerlicht durch den Raum.
„Du könntest mal durchwischen. Die Pflanzen könnten auch wieder Wasser vertragen.“
„Ich soll verschwinden, aber vorher noch durchwischen, Herr Lürßmann?“
„Für dich immer noch HerrDr.Lürßmann, so viel Zeit muss sein.“ Er musterte den Jungen, der selbstbewusst vor ihm stand, als sähe er ihn zum ersten Mal. Doch der Enkel seiner Wirtschafterin lebte seit sechs Jahren hier bei seiner Großmutter in der kleinen Dachwohnung. Eigentlich sah der Bursche einnehmend aus mit den dunkelblonden Haaren, den dichten ausdrucksstarken Brauen und den grünen Augen. Zehn Kilo weniger auf den Rippen täten ihm trotzdem ganz gut. Seine Umgangsformen hatten nie etwas zu wünschen übriggelassen. Sogar den Rasen hatte er ohne Aufforderung gemäht und seiner Großmutter bei der Pflege des Lürßmannschen Schrebergartens geholfen. Ina hatte ihn oft begleitet. Gerald wurde schlecht, wenn er daran dachte, was die beiden in seiner Laube getrieben haben konnten. Er gestand sich ein, dass der Junge ihm immer außerordentlich höflich begegnete; nur redete er ihn nie mit seinem Titel an. Lürßmann hatte gedacht, der Junge wäre ein wenig einfältig. Er hatte oft beobachtet, wie Ina und er gemeinsam im Wohnzimmer oder auf der Terrasse gelernt hatten. Gerald war immer der Ansicht gewesen, Ina würde ihn mit durchschleifen. Zu seinem Erstaunen hatte der Bengel jedoch ein hervorragendes Abitur abgelegt, das beste des kompletten Jahrganges. Irgendwie empfand er es als ungerecht, dass jemand mit diesem Erbgut so intelligent war. So eine Verschwendung. Der Bursche war einen Kopf kleiner als er und kniff die Augen zusammen wie jemand, der eine Brille benötigte. Die geballten Fäuste waren in den Hosentaschen versenkt.
Lürßmann räusperte sich. Er musste ihn anders knacken. „Wie dem auch sei. Ina und ich wären dankbar, wenn du dich räumlich umorientieren