: Nicolai Ludwig
: Strafbar
: Spica Verlag
: 9783985030279
: 1
: CHF 13.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 208
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wenn ein Arzt Anhaltspunkte für einen nicht-natürlichen Tod findet oder er aufgrund der Gesamtumstände die Todesart als ungeklärt ansieht, ist die Polizei zu benachrichtigen. Die Ursache für die fehlerhafte Feststellung des Todes ist eine zumeist unzureichende Leichenschau. Sie resultiert oft aus einer diffusen Gemengelage aus Zeitdruck, Desinteresse, falsch verstandenem Pietätsgefühl gegenüber den Angehörigen und ärztlichem Selbstverständnis, der Arzt als Helfer. Dazu kommt sehr oft die mangelnde fachliche Befähigung. Jeder Arzt, gleich welcher Fachrichtung, ist zur Leichenschau und Ausstellung des Totenscheines berechtigt. Rechtsmedizinisches Wissen ist nicht erforderlich. Wie sieht damit der Alltag der Leichenschau in Deutschland aus? Selten werden Tote untersucht ... Fünfzehn Geschichten von Kleinganoven über ein Bankräuberpärchen, Mord im Milieu, Kindsmord bis hin zum Doppelmord geben Einblicke in die Ermittlungen und die Funktion der Organisation Polizei, vor, während und nach der politischen Wende 1989. Der Autor beleuchtet die vielfältigen menschlichen Verschlingungen und Herausforderungen der Figuren. Als ehemaliger Kriminalist weiß er, wovon er spricht. Wen wundert es da, dass sein Hauptakteur Matthias, Kriminalist bei der Rostocker Kripo, authentische Züge trägt. In die von ihm erzählten Fälle haken sich also nicht nur die Erinnerungen aus seiner Seefahrerzeit ein.

Nicolai Ludwig, Jahrgang 1952, chinesisches Sternzeichen Wasser Drache, wurde in Dresden geboren und wuchs dort auf. Im ersten Berufsleben war er Seemann, im zweiten Kriminalist. Heute als Pensionär geht er seinen Hob­bys und Neigungen nach, ist Skipper und Segel-, Tai Chi-/Qigong-Lehrer, Geschichtenschreiber. Fragt man ihn, wo er wohnt, lautet die Antwort: In Rostock, zehn Minuten vom Meer. Und er fügt hinzu, dass er ohne die See nicht leben kann. Einmal Seemann immer Seemann, sagt man. Auf ihn trifft es wohl zu. Warum schreibt Nicolai? Irgendwann habe er begonnen, seine Gedanken aufzuschreiben. 'Aus den Worten wurden Zeilen, Seiten, Geschichten. Ich hatte einen Platz für die Bilder in meinem Kopf gefunden, die ich gleich einem Buch jederzeit hervorholen kann. Nun ist daraus ein wirkliches Buch entstanden, das ich immer aus dem Regal nehmen und wieder zurücklegen kann.'

Der Fall Walter W.


Auf Höhe des Seebades Dietrichshagen stellte ich im Küstenwald mein Fahrrad auf den Ständer, trat an die Kante des Kliffs, schaute die Küstenlinie entlang in Richtung Warnemünde. Die See lag wie Seide. Zwischen dem grünen und roten Turm der Molenfeuer stieg die Sonne, wärmte mein Gesicht. Voraus lagen zwei Frachter auf Reede. Nach Westen hin konnte ich das nahe Kap in seinen Schattenfahnen erahnen. Unter mir landeten Wellen lautlos. Die Nacht, mit ihrem Landwind, hatte ihnen die Kraft genommen. Stille.

Mein Bike trug mich den Radweg entlang der Küste, über jenes Kap hinaus, auf dessen Name Geinitzort nichts hinwies. Jede Umdrehung der Pedale förderte die alte Geschichte hervor, als wäre sie erst gestern passiert.

Anna. In Berlin hatte sie Kunstgeschichte studiert. In den Semesterferien wollte sie nach Hause an die Ostsee fahren, auf dem Radfernweg Berlin–Kopenhagen. Allein, denn Anna musste über die Beziehung zu ihrem Freund nachdenken. Nach ihrer Abfahrt vom Zeltplatz in Krakow am See hatte sie sich nicht mehr bei den Eltern gemeldet, wie sie das täglich übers Handy tat. Auch am nächsten Tag nicht. Am folgenden wurden die schlimmsten Befürchtungen Gewissheit. Eine Gruppe Radwanderer hielt zu ihrer ersten Tagesrast an der Schutzhütte bei Groß Breesen. Sofort wurde sie von Schmeißfliegen umschwirrt. Deshalb wollte die Truppe schon weiter, aber einer bestand auf seiner Notdurft. Dabei trat er fast auf die Person, die hinter der Hütte mit dem Gesicht auf dem Waldboden lag. In der nächsten Stunde war die erweiterte Rostocker Mordkommission aufgerufen worden und versammelte sich im Beratungsraum der Kriminalpolizeiinspektion in der Ulmenstraße.

Auf dem Küstenradweg hinter Heiligendamm, wo die Linie des Ufers flacher lief, der Buchenwald bis an den Strand reichte, plätscherte ein Bach über den Sand ins Meer. Hier florierte seit einigen Jahren eine Waldbar. Ich stieg ab, schloss mein Rad an, betrat die Bohlen der Terrasse. Der breite Rücken, darüber die Form des kahl geschorenen Schädels, dieser Typ, der gerade von einem der Tische aufbrach, war mir vertraut. Ich trat auf ihn zu.

„Dschinni, Team Sieben Partner, was treibst du hier?“

Fast zwei Meter richteten sich vor mir auf. Muskelpakete umfingen mich.

„Mensch, Matthias!“ Sein Lachen kam tief aus der Brust. „Hier ist die Wendemarke meiner Laufstrecke.“

Er wohnte noch immer in Börgerende.

„Ich muss los, sonst werde ich kalt. Wir sehen uns.“

Dschinni, hmm … alle nannten ihn nur so. Seinen Spitznamen hatte er mitgebracht. Oder war er ihm vorausgeeilt, der Vergleich mit dem Geist aus der Flasche? Maik, fiel mir sein Vorname wieder ein, klang aber auch zu mickrig für ihn. Er und ich hatten eines der Ermittlungsteams gebildet in dem Fall, der noch in meinen Gedanken lag. Erst einige Monate davor hatte er seinen Abschied in der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) genommen, nachdem seine Bewerbung auf eine freie Kommissarsplanstelle bei der Kripo durch war.

Zufall, dass wir uns hier trafen. Nicht aber, in mir schüttelte ich den Kopf, dass ich hier einkehrte.

Am Tresen bestellte ich ein Alster und setzte mich auf der Holzterrasse an den Tisch, der am dichtesten zur Uferböschung stand. Strandrosen wuchsen zwischen geschichteten großen Findlingen. Wie vom Deck eines Schiffes schaute ich auf das Meer. Meine Gedanken blieben in Annas Geschichte.

In der Tat, als sie gefunden wurde waren schon die ersten Totenfliegen aus den Eiern in der Halswunde geschlüpft. Im Obduktionsbericht hatte gestanden: ein fachgerecht ausgeführter Entbluteschnitt.

Anna war die zweite junge Frau innerhalb eines Monats, die auf diese Weise umgebracht worden war. Nach Lübeck hin, in dem Waldgebiet an der ehemaligen innerdeutschen Grenze hatte ein Jäger zwei Wochen zuvor die Leiche einer dreiundzwanzigjährigen Joggerin aus Schlutup entdeckt. Sie lag auf einem der alten Postenwege. Deshalb bestand von Anfang an der Verdacht, beide Morde gehörten zusammen.

In den Medien schlugen die Wellen hoch. Ein Boulevardblatt titelte: „Killer lauert in Mecklenburgs Wäldern.“ In dem Fall der Schweriner Kollegen konnte schnell Haftbefehl gegen einen W. aus Schönberg erlassen werden. Die Kriminaltechniker hatten an tatrelevanten Stellen ein männliches DNA-Profil gesi