: Andreas Bertram
: Ein Volk im Teufelskreis
: Spica Verlag
: 9783985030484
: 1
: CHF 13.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 348
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wir leben in einer Zeit des Großangriffs auf alles, was den Menschen seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden ausmacht: das Menschsein. Die meisten bemerken es nicht, denn es sind schleichende Gifte, die ihnen verabreicht werden, seit sie denken können. Das Vergiften von Körper und Geist hat nun ein Ausmaß erreicht, dass es Fortbestand der Menschheit gefährdet. Der Zukunftsroman ist spannend wie ein Krimi, informativ wie ein Sachbuch, herzzerreißend, wenn der Krieg seine Opfer fordert und humorvoll, weil gerade in schwersten Zeiten das Lachen den Menschen hilft, ihr Gleichgewicht zu erhalten, ihren Seelenkern zu schützen und zu bewahren. Zum Menschsein gehört vor allem, Liebe zu geben und Verantwortung zu tragen für andere, ungeachtet dessen, ob diese es zu schätzen wissen.

Andreas Bertram wurde 1957 in Berlin geboren. Er besuchte eine russische Bot- schaftsschule, machte Abitur in der DDR und wurde Lichtbestimmer bei der DEFA. Damals begann er, Gedichte zu schreiben, wodurch seine künftige Frau auf ihn aufmerksam wurde. Er wohnte direkt am Todesstreifen und so prägte ihn die Beschallung des kalten Krieges, mehr noch die Schüsse auf Flüchtende. In der Nacht des Mauerfalls war die Freude über die gewonnene Freiheit riesig. Bis dato haben seine Frau und er 63 Länder bereist. Mit der Wende ging sein Arbeitsplatz verloren und er orientierte sich beruflich um. In der stark wachsenden Sicherheitswirtschaft war er dann zunächst als Controller und später im vertrieblichen Bereich tätig. Neben seinem Hauptberuf schrieb er gesellschaftskritische Reime, die 2019 im Buch »Gedichte zur richtigen Zeit« erschienen sind. Mit der Verschärfung der Corona-Krise veröffentlichte er seine vielbeachtete Zukunftsvision, die zur Grundlage dieses Romans wurde und am Hauptschauplatz Köpenick spielt.

2. Berlin, wie bist du doch verschieden


Der Novembernebel hängt in der Großstadt und lässt die höheren Gebäude im Nichts verschwinden. Menschenmengen drängen sich in die S- und U-Bahnen, Reisende husten in Armbeugen und verformen dabei ihre Masken, ein abgewrackter Altkommunist schiebt sein verrostetes dreckiges Fahrrad in die Menge, die auseinanderspringt, als hätte jemand sie mit dem Schwert geteilt. Riesen drücken Zwergen ihre Rucksäcke in die Visagen. Ein Großer und ein Kleiner wollen sich schlagen, doch können sie aufgrund der Enge nicht ausholen – also bleibt ihnen nur das Wortgefecht. Die Zyniker von Rang und Namen fahren Auto, die ohne Rang und Namen, die zweifellos in der Überzahl sind, quetschen sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Überall lauern diese Hackfressen und Hackfressinnen mit ihren unförmigen Körpern, worüber gelbe oder orangefarbene Westen mit der Aufschrift »Ordnungsdienst« gespannt sind, dass sie Presswürsten gleichen. Es sind meist Leute, die nur durch die Corona-Krise zu Macht und Befehlsgewalt gekommen sind. Vor Corona wurden sie als Minderbemittelte ignoriert und heute rächen sie sich furchtbar an denen, die mehr Grips als sie selbst haben. Und dazu gehört wahrlich nicht viel. Dort, wo die gemeine Menge zu Gange ist, wird die Ellenbogengesellschaft physisch gelebt. Das Recht des Stärkeren erlebt seine Renaissance. Der Schwächere geht dem Stärkeren besser aus dem Weg, anderenfalls kann es für ihn schmerzhaft werden. In heruntergekommenen Bezirken helfen ein Jackett mit Schulterpolstern, ein sehr finsteres Gesicht und die Bereitschaft, im Konfliktfall körperliche Gewalt anzuwenden. Für Frank ist es zu anstrengend und unerfreulich immer den Starken zu spielen und seine Grundaggressivität über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten. Deshalb ist er aus der Innenstadt nach Köpenick gezogen, wo er seine Energie für sinnvollere Aktivitäten verwenden kann.

Inzwischen hat der Frühling Einzug gehalten und die Menschen hier draußen in der blühenden Natur sind recht entspannt. Frank steigt den Hügel hinauf, der sich hier Berg nennt. Im Flachland nennen sie eine Höhe bereits einen Berg, wenn sie sich 80 Meter aus dem Umland erhebt. Auf seiner dicht bewaldeten Kuppe haben Heimatfreunde ein Holzkreuz aufgestellt, denn er ist immerhin die höchste natürliche Erhebung Berlins. Zwischen den Ästen kann Frank auf den großen See herabschauen, auf dessen anderer Seite der schönste Ortsteil von Köpenick im Sonnenlicht erstrahlt. Weiße Villen und historische Gebäude sind an den See gebaut. Dort würde er auch gern wohnen, doch der Lohn eines Sicherheitsmitarbeiters gibt es leider nicht her. Er steigt den Höhenzug in Richtung des großen Sees hinab, folgt einer Rinne und tritt oberhalb eines fast kreisrunden kleinen Sees aus dem dichteren Wald. Die blaugrün schimmernde Wasserfläche wirkt wie ein großes Auge, das uns die letzte Eiszeit zu ihrer Erinnerung gelassen hat. Links säumen Bäume und Gesträuch das Ufer ‒ auf der gegenüberliegenden Seite schließt sich eine sumpfige Landschaft an, wo kahle Stämme abgestorbener Birken aus dem mit Grasbüscheln bewachsenen Boden emporragen. Über die sumpfige Gras- und Schilffläche wurde ein erhöhter Weg aus hochwertigen Holzdielen gezimmert und durch Holzgeländer gesichert. Frank lässt sich auf einer Sitzbank nieder, die auf einer kleinen Plattform steht, welche vom Weg zum See hin gebaut wurde und bis zur Wasserfläche reicht. Hier kann er gut die Seerosen betrachten, deren Blüten zwischen den großflächigen Blättern zu schwimmen scheinen. Nachdem Frank ein paar Minuten die Ruhe und die Schönheit der Natur genossen hat, macht er sich zum großen See auf. Bald gelangt er zu Menschen, die einfach mal wieder das Leben genießen wollen und am Seeufer zusammensitzen. Doch Frank geht weiter in Richtung der weißen Villen, die er vom Berg aus herüberleuchten sah. Es ist ein gutes Stück zu gehen und manchmal betrachtet er die dicken Stämme der uralten Eichen, die wohl schon hier gestanden hatten, noch bevor dieser Ortsteil errichtet wurde. Zur Rechten folgt er dem meist beschilften Ufer. Am E