Am Po
Eine winterliche Reise den alten Po entlang ist in meinem Kopf im Gange; solcherlei lässt sich bei ständiger Schlaflosigkeit gar nicht vermeiden. Ich sitze auf meiner roten Guzzi, und es steht gleich zu Beginn fest, dass die alte Wasserstraße und die jungen Landwege zwei ganz verschiedene Dinge sind, die überhaupt nicht zueinander passen, die nichts miteinander zu tun haben und die einander meiden, wo immer sie können. Es ist wie verhext: Sämtliche Straßen, ob groß, ob klein, scheinen stets vom Po wegzuführen, und nie zu ihm hin oder gar schön brav einfach den Fluss entlang, wie ich es gerne hätte. So jedenfalls kommt es mir vor, dem unbedarft Reisenden, der immer die Nähe des beruhigenden Wassers sucht. Wirklich nirgendwo sind sie sich einig, die langen, flachen und schnurgeraden Landwege und der alte, im unteren Teil zwischen hohe Dämme eingezwängte, breite Wasserweg; man muss die Karte schon sehr genau studieren, damit man das geografisch dominante Gewässer nicht ständig aus den Augen verliert und in der weiten Ebene erst wieder mühsam suchen muss, denn man weiß bald einmal und für lange Zeit nicht mehr, wo er sich überhaupt befindet, der große, auffällige Fluss, der im unteren Teil ganz eindrücklich zum Strom wird. Er scheint sich ständig zu ducken und zu verstecken, obschon dies in einer solch offenen Weite wie in dieser breiten Ebene eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Säße ich jetzt in einem Motorboot und nicht auf einem Motorrad, sähen die Dinge wohl ganz anders aus, denn dann wäre diese bestimmt etwas ungewöhnliche Rei-se in diese riesige Ebene hinein, immer den Windungen und Wendungen des Flusses folgend, weitaus logischer und nachvollziehbarer.
Zu Beginn seines Daseins ist der Fluss naturgemäß geradezu lächerlich klein. Ein ganz gewöhnlicher Bergbach ist das, wie viele andere, absolut identische Bergbäche hier oben an diesen nackten Hängen, ein rauschender Bach, den man überspringen kann, nicht breiter als ein Meter. Das ist nur einer von vielen reißenden Bächen in dieser steilen Gebirgsregion, die vom kah-len Pian del Re am Fuße des Monte Granero knapp unterhalb des alten Col de la Traversette rauschend zu Tale stürzt und sich bald einmal in die lichten, leeren Weiten der Poebene ergießt, die sich von Villafranca an dem staunenden Auge eröffnen, mit mindestens drei Großstädten, nämlich Torino, Milano und Bologna, nebst vielen anderen, kleineren Städten, die sich allerdings angesichts der Weite des Landes trotz aller geschichtlichen Bedeutung recht klein und bescheiden ausmachen, lauter klingende Namen voller historischer und kultureller Geheimnisse, wie Cuneo, Novara, Pavia, Piacenza, Cremona, Parma, Bréscia, Modena, Mántova, Pádova, Ferrara, Ra-venna, Venezia und viele mehr. Ein urbaner Kosmos, ein kulturelles Weltzentrum.
Es sind dies bereits hier im Piemont überaus beeindruckende Distanzen in dieser zunächst grasgrünen Ebene unter einer gleichmäßig hellgrauen Nebeldecke, die bald einmal in endlose, rechteckige Reisfelder eingeteilt ist, soweit das Auge reicht und es der hartnäckige Nebel überhaupt zu erkennen zulässt. Diese großen Vierecke müssen jetzt allerdings, zu dieser späten Jahreszeit, zur nebligen, feuchten Winterszeit also, für einige wenige Monate ruhen. Grobe, fast schwarze, schwere Erdschollen glänzen fett im fahlen Licht, das zuweilen hinter dem Nebelvorhang hervorrieselt. Die großen Maschinen und Traktoren stehen in alten Schuppen still, und die vielen Leute, die hier ansonsten das Land bearbeiten, sind jetzt alle weit weg. Sie müssen gegenwärtig ganz woanders arbeiten, wer weiß wo, in den Fabriken und Werkstätten Turins vielleicht, oder sogar im Ausland, wenn sie nicht arbeitslos zu Hause sitzen, in einer der größeren oder kleineren Städte der Region Piemont jedenfalls, denn die fruchtbaren Landschaften geben sich um diese kalte Jahreszeit ausgesprochen leer, wirken ungewohnt verlassen und streckenweise sogar völlig ausgestorben. Einzig die gelben Nebelwarnlampen blinken auf einsamen Landstraßen still vor sich hin und täuschen Leben vor, wo gar keines ist, und an menschenleeren Straßenkreuzungen stehen verloren ei-nige jämmerlich frierende afrikanische und albanische Huren in viel zu knapper Kleidung herum, wahrhaft bemitleidenswerte junge Frauen, die geduldig und ihrem Schicksal ergeben auf die eher knauserige Kundschaft in vollgepafften Kleinwagen warten, um ihre Großfamilien, die sich vielleicht weit weg von hier in kleinen Dörfern oder großen Slums befinden und sehnlich auf die Überweisung aus Italien warten, ernähren zu können. Ansonsten ist niemand und nichts zu sehen, kaum Verkehr, wenn man von vereinzelten Nebel- und Abblendlichtern absieht, die zuweilen gespenstisch geräuschlos aus der weißgrauen Watte auftauchen, um gleich wieder darin zu verschwinden, kurzzeitig einen oder zwei rote Punkte in den beiden Rückspiegeln der Guzzi hinterlassend.
Bis Turin ist der Po noch erstaunlich klein; eng und schmal schießt er in mutwilligem Hin und Her wie ein junges Fohlen durch sein altes, steiniges Bett, gesäumt von vielen lichten Er-len- und Pappelwäldchen in der Form akkurat abgemessener Quadrate. Die jungen Bäumchen stehen wie stramme Soldaten zur Musterung aufgereiht, kleine Gehölze voller gebrauchter Präservative, Papiertaschentücher und achtlos weggeworfener, weißer, hellblauer und hellrosa Plastiksäcke, wie man sie auf allen italienischen Märkten beim Einkaufen kriegt. Dazwischen liegen unzählige Schrebergärten, denen man selbst in diesem kalten und leeren, aber schneelosen Winter ansehen kann, dass sie sommers üppig Ernte bringen.
Immer wieder öffnet sich die angenehm ruhige Landschaft, um stets neue, äußerst großzügige Einblicke zu gewähren, und wenn sich der Nebel für einige Stunden lichtet, stellt man überrascht fest, wie groß und weit dieses prächtige, fruchtbare Land eigentlich ist, durch dessen Mitte ich soeben planlos fahre, wie majestätisch das Piemont ist, wie würdevoll die Lombardei sich präsentiert. Ich streife sogar kurz die anmutige Emilia-Romag-na und gelange schließlich in das weite, flache und helle Venetien hinein, wo der Fluss endlich die Dimension annimmt, die man von ihm eigentlich schon längst erwartet hat, sehr breit und sehr schwer nämlich, massig bleiern schimmernd und träge unter einem ebensolch bleiernen Himmel überaus gelassen da-hinströmend, eingefasst von hohen, breiten Dämmen, die das weite, farbige Land mit seinen unzähligen alten Ortschaften vor Überflutung schützen.
Still, glatt und leer gleitet„il fiume“ langsam und majestätisch dahin, um sich schließlich in einem überaus weitläufigen Gewirr von Ästen und Armen ins lichte, freundliche Meer zu ergießen. Das ist es allerdings nicht, was mir von dieser Reise in Erinnerung bleiben wird, nicht etwa die Geografie, seltsamerweise, auch nicht die Reise als solche, denn in der Erinnerung verkürzen sich auch die größten Distanzen zu übersichtlichen und somit erträglichen Abständen. Die landschaftlichen Räume schrumpfen in der Vorstellung immer auf ein lächerliches Minimum zusammen, auf eine Begrenztheit, die sie nicht verdient haben, und der weite Himmel ist im Nachsinnen zur Gänze aus dem Bild der Erinnerung, als hätte ihn ein launischer Gott einfach böswillig ausgeknipst, oder als hätte es ihn gar nie gegeben. Allenfalls der sture Nebel bleibt äußerst hartnäckig als feste Vorstellung bestehen, weil er überaus listig, genau wie die trügerische Erinnerung selber, alles viel kleiner und enger macht, weil er alles entweder ins Unfassbare entrückt, oder aber, ganz im Gegenteil, in eine unwirkliche Nähe bringt, je nachdem, worum es sich handelt.
Ich ertappe mich dabei, dass ich ob allem Erinnern unwillkürlich an Dinge denke, die nichts Besonderes mit dieser Reise zu schaffen haben, die aber so beschaffen sind, als hätten sie etwas damit zu tun. Eine schwarze Reisetasche fällt mir unvermittelt ein, deren Reißverschluss klemmt, so dass ich sie nicht mitgenommen habe, obschon ich nicht mehr weiß, ob sich dies tatsächlich anlässlich dieser Reise oder vielleicht nicht doch eher zwanzig Jahre früher zugetragen hat. Ein überaus wohlschmeckendes Sandwich mit Olivenpaste und Anschovis fällt mir zudem ein, ein Teller Spaghetti mit winzigen Muscheln, ein roter Kaffeeautomat in der Nähe einer Bushaltestelle, ein Spiegelei mit geriebenen, schwarzen Trüffeln, eine junge Frau in einer engen Küche, die auf einem winzigen Küchentisch Gnocchetti herstellt, eine andere junge Frau, die in einer weißen Strumpfhose in einem kühlen Flur auf dem Boden sitzt und weinend ihremamante telefoniert, dann ein leicht bitterer Raukensalat mit Parmesan-Flocken und Balsamico, ein überaus hässlicher, billiger, schwarz-grün gestreifter Pullover aus synthetischer Wolle, den ich in einem gammelig verwinkelten Warenhaus einer weit verbreiteten Warenhauskette gekauft und sogleich hoffnungsfroh übergestreift habe,...