Er hat nicht wirklich nein gesagt; er wird wohl tatsächlich mitmachen, so wie die Dinge liegen, nimmt Mimi an. Doch wer kann schon wissen, was jetzt gerade in seinem Kopf vorgeht? fragt sie sich. Gesagt ist gesagt; sie kann das Gesagte nicht mehr zurücknehmen. Sie hätte nichts über Beischlaf verlauten sollen, das ist zu vorschnell, zu übereilt gewesen. Ganz eindeutig; sie ist damit ganz ungeschickt herausgeplatzt. Hätte sie nichts gesagt, wäre Miguel bestimmt angenehm fröhlich und völlig unbeschwert geblieben, genau so, wie er bisher immer gewesen ist, und arglos würde er sich jetzt auf die gemeinsame Reise freuen. Wie ungeschickt von ihr! Denn jetzt aber scheint er richtig betrübt zu sein; man kann es ihm deutlich ansehen, bekümmert und besorgt. Zunächst hat er im Einkaufszentrum tatsächlich gleich zwei der kleinen, billigen Zelte kaufen wollen, eines für sich und eines für Mimi. Er hat es sich ganz offensichtlich nicht einmal vorstellen können, im gleichen Zelt wie Mimi zu schlafen.
„Na hör mal, Miguel“, hat sie zu ihm gesagt, „findest du das nicht ein bisschen kompliziert, zwei Zelte für zwei Personen?“ Er ist danach die Betretenheit selber gewesen; er ist ja überhaupt nichts anderes als eine einzige, flammend rote Verlegenheit und offensichtliche Bestürzung. Dies alles ist ihr Fehler, gibt Mimi zerknirscht zu; sie hat einen groben Schnitzer begangen. Sie hätte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen sollen; anderseits will sie offen bleiben, wünscht sie sich vage und bereits recht unsicher geworden. Offen und ehrlich möchte sie bleiben. Sie ärgert sich darüber, dass sie nichts für sich behalten kann, und trotzdem will sie ihn nicht täuschen – und schon gar nicht enttäuschen. Sie will niemanden täuschen, noch enttäuschen, das ist gewiss nicht ihre Art. Sie sei halt so, findet sie schließlich, sie sei halt so offen und so gerade heraus, das entspreche ihrem Wesen und ihrer Art, und deshalb möchte sie jetzt ganz gewiss nicht von Gewissensbissen geplagt werden. Immerhin ist Miguel damit einverstanden, heute Abend zu Kammermacher zu gehen; das ist ein wichtiger Schritt, und vielleicht ist ihr keckes Vorgehen, ihre ganze, undeutliche Idee im Grunde genommen nicht gar so schlimm, wie sie jetzt befürchtet – so hofft sie jedenfalls. Reisen mit dem Rad und mit dem Motorrad, zelten am See, baden und picknicken, das muss in Miguels empfindlichen Ohren zumindest weniger verfänglich und weitaus weniger gefährlich als ‚Geschlechtsverkehr’ klingen. Nicht wahr? Vielleicht werden sie dessen ungeachtet trotzdem Spaß haben, was immer dort unten an den Seen geschehen soll, was immer dort Spaß bedeuten mag.
Sie muss sich indessen selber eingestehen, dass es doch wohl eher so ist, dass sie es mit ihrem unüberlegten Vorpreschen bereits gründlich verpatzt hat. Das muss sie einsehen; sie hat den armen Miguel mit ihrem unbedachten Vorpreschen restlos eingeschüchtert, und zudem hat sie nicht wissen können, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hat. Oder doch? Mimi überlegt lange unentschlossen hin und her und findet nach einer Weile mit wenig Überzeugung, dass sie es sich eigentlich gleich zu Beginn hätte vorstellen können, dass Miguel noch Jungfrau ist, wenn sie ihn zuvor nur richtig eingeschätzt hätte, wenn sie über ihn nur richtig nachgedacht hätte. Wie hat sie das nur übersehen können!
Miguel hat ein an sich beneidenswert unkompliziertes, fröhliches Gemüt und ein sehr angenehm freundliches, aufmerksames Wesen. Sie findet ihn eigentlich genau deshalb so anziehend und so besonders, so dass sie sich gar nicht überlegt hat, wie es bei ihm mit dem Thema Frauen steht. Er ist immerhin neunundzwanzig und nicht neunzehn! Und ist doch nicht etwa schwul? Da konnte sie gewiss nicht wissen, dass er noch nie gevögelt hat. Was hätte sie von ihm gedacht, wenn ihr dies schon vorher klar gewesen wäre? Hätte sich etwas geändert an ihrem Plan? Jedenfalls hätte sie anders reagiert, ganz bestimmt, redet sie sich jetzt im Nachhinein ein. Wie anders hätte sie denn reagiert? Was hätte sie anders tun oder sagen müssen? Welcher Art wäre das einzig richtige Vorgehen gewesen? Wie sollte sie das überhaupt wissen können? Verliert sie allmählich den Kopf? Das kann doch nicht sein? Verliert sie langsam die Übersicht? Vielleicht ist sie ja tatsächlich zu naiv, fürchtet sie plötzlich, eine dämliche Tusse, eine einfältige Tante, ein dummes Huhn, eine blöde Kuh, eine beschränkte Zicke, und vielleicht hat sie tatsächlich bereits alles durch puren Leichtsinn vermasselt. Andererseits: Anders vorzugehen als so, wie sie vorgegangen ist, kann sie sich gar nicht vorstellen, wenn sie ehrlich zu sich selber ist. Genau dies redet sie sich jetzt hartnäckig ein. Und wozu nimmt sie überhaupt die Pille? Na, also! Bereits seit einigen Monaten schluckt sie jeden Morgen die Pille, und da steckt doch zumindest eine heimliche Absicht dahinter? Alle jungen Frauen nähmen die Pille, hat ihr die Ärztin beruhigend erklärt, das sei heutzutage völlig normal und absolut vernünftig. Sie hat ihr die berühmte Pille und somit die Empfängnisverhütung damals eigentlich ganz automatisch verschrieben und eigentlich fast aufgedrängt, so, als gehöre das einfach dazu, als gehöre das zum Leben einer jungen Frau wie das Zähneputzen, das Duschen, das Haare Waschen, das Einkleiden, das Kämmen und das Tampon Reinschieben. Sie hat Mimi nicht einmal über ihren Lebenswandel und ihre sexuellen Gewohnheiten befragt, sie hat nicht einmal wissen wollen, ob sie einen festen Freund habe, einen Sexualpartner, einen Standardstecher, einen Anstandsbock. Sie hat ihr das empfängnisverhindernde Medikament einfach mehr oder weniger kommentarlos verschrieben, so wie etwas, was längst fällig gewesen ist, hat ein Rezept ausgestellt, wie es millionenfach ausstellt wird auf der Welt, ganz routiniert. Immerhin hat sie doch noch kurz auf die tödliche Gefahr eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs hingewiesen und zusätzlich zur Pille Kondome empfohlen.
Es versteht sich von selbst, dass sie niemandem davon etwas erzählt hat, schon gar nicht ihren beiden Vätern, weder Fredy, noch Harry; das geht schließlich niemanden etwas an, findet sie, das geht nur sie etwas an, sagt sie sich zu Recht. Da fällt ihr ein: Vielleicht hat Miguel aus purer Unkenntnis einfach nur Angst vor der antiquierten Vorstellung, sie würde beim Poppen gleich schwanger werden? Das könnte durchaus sein, dass ihn nur eine fehlende Information hindert und blockiert, meint sie schließlich achselzuckend, denn wer weiß schon genau, was für rückständige Vorstellungen er von zu Hause mitgebracht hat? Wer kann schon in die Köpfe der Leute sehen? Wer weiß schon genau, was alles im Kopf eines Menschen abgeht? Und sei es der eigene! Nicht einmal sie weiß es genau. Im Moment jedenfalls nicht. Nicht genau jedenfalls. In ihrem eigenen Kopf ist momentan der Teufel los, muss sie sich ehrlicherweise zugestehen.
„Und wenn es schief geht, Harry?“ „Wenn was schief geht, Fredy?“ „Das mit Mimi und Miguel.“ „Da geht nichts schief.“ „Ich weiß nicht, Harry.“ „Was weißt du nicht?“ „Die sind wie Bruder und Schwester, oder so ähnlich. Da könnte eventuell gar nichts laufen. Wegen der Inzestbarriere.“ „Abwarten!“
Harry und Fredy stehen an der blitzblanken Würstchenbude ‚Kebab Özlan’ am Rande eines weitläufigen, zur Hälfte gefüllten Parkplatzes. Sie stützen sich mit den Ellenbogen breit auf den Chromstahltresen und essen genüsslich einen prächtigen, sehr schmackhaften, ausgezeichnet gewürzten Dürüm, nehmen dazwischen einen tüchtigen Schluck kühlen Bieres aus den weißen Plastikbechern, während sie interessiert zuschauen, wie der schnauzbärtige Özlan im gestreiften Leibchen seiner Lieblingsfußballmannschaft mit funkelnden Augen und Armen wie ein Sumo-Ringer hinter dem Tresen hantiert. Schließlich hat Harry genau dieselbe Arbeit dreißig Jahre lang selber hinter dem Tresen von Harry’s Bar gemacht, und Fredy ist nicht wenige Male dabei gewesen, alle paar Jahre mal wieder, besonders im Sommer, wenn die wilden Feten an den heißen Stränden abgegangen sind, sei es als einer der vielen Klienten und Konsumenten, sei es als heimlicher Bewunderer von Sonja, oder sei es – was vor allem am Anfang der Fall gewesen ist – als einer der vielen ganz gewöhnlichen, abgebrannten Schnorrer und abgerissenen Mitläufer, von denen es an den Stränden des wilden, freien Lebens jeweils Hunderte gegeben hat.
„Ich wäre mir da nicht so sicher, Harry“, nimmt Fredy den Faden wieder auf. Er zeigt plötzlich eine ganz ungewohnte Unsicherheit und merkwürdige Ängstlichkeit. Harry winkt mit dem Dürüm gleichgültig ab: „Ach was! Das läuft rund, Fredy. Bombensicher. Das ist die Natur. Du wirst sehen. Poppen ist nun mal in der menschlichen Software ganz vorne vorhanden und ganz dringend vorgesehen und steht deshalb ganz zuoberst auf der Liste.“ „Ich...