Frühling
1.Kapitel
Orlando fährt an diesem Tag mit seinem alten Smart zu seinem Auftrag, den Firmenwagen hat er stehen gelassen. Das ist weder besonders wirtschaftlich noch besonders schlau, aber die Sehnsucht nach dem alten Fahrzeug hat ihn alle Bedenken über Bord werfen lassen.
‚Im Wendland werden schon keine allzu statusbesessenen Kunden wohnen‘, spricht er sich selbst Mut für seine Entscheidung zu. Immerhin punktet der Smart mit einem Cabrio-Dach. Dafür funktioniert die Klimaanlage nicht, die kleine Kiste rumpelt und rattert, nimmt ihm jede Unebenheit übel und schafft maximal zuckelige hundertzwanzig Kilometer pro Stunde. Aber sie gibt ihm ein Gefühl von Freiheit. Ein Gefühl, das ihm keines der teuren Luxus-Autos bescheren kann, die sich seine Kanzlei leistet.
Der alte Smart erinnert ihn an die Zeit vor seinem Studium, dieses eine Jahr, in dem alles möglich schien.
Heute liegt in der frühlingshaften Luft ein unverkennbarer Anflug von Abenteuer. Orlando pfeift fröhlich über das Geratter des Dieselmotors die ArieHabanera aus der Oper ‚Carmen‘ mit, und schließlich lässt er sich sogar dazu hinreißen, den Text lauthals mitzusingen:
L’amour est un oiseau rebelle
Que nul ne peut apprivoiser,
Et c‘est bien en vain qu’on l’appelle,
S’il lui convient de refuser.
Rien n’y fait, menace ou prière
L’un parle bien, l’autre se tait
Et c’est l’autre que je préfère
Il n’a rien dit, mais il me plaît
L’amour, l’amour, l’amour, l’amour
Ja, die Liebe hat bunte Flügel … die rebellische Liebe, die wie ein wilder Vogel nicht einfach zu fangen ist …
Orlando gerät ins Träumen, wird aber plötzlich und sehr unsanft in die Realität zurückgeholt.
Was ist heute los mit mir?, schießt es ihm durch den Kopf, als es ihm gerade noch so gelingt, die Kontrolle über das Lenkrad zurückzugewinnen.
Nach dem letzten frenetischen „l’amour!“ hat sein Wagen einen bedenklichen Schlenker in Richtung Gegenverkehr gemacht, und Orlando ist äußerst dankbar für das wütende Hupen, mit dem seine Aktion quittiert wurde. Normalerweise hasst er es, wenn jedermann sofort auf der Hupe steht. Aber jetzt war es seine Rettung, fast nur Zentimeter zwischen ihm und dem anderen Fahrzeug. Ohne die Fanfare des riesigen SUV, die ihm wie des jüngsten Tages Posaune in die Glieder gefahren ist, hätte es vorbei sein können mit dem Frühling, Abenteuern, dem kleinen Smart und vielleicht auch ihm.
Mit klopfendem Herzen sucht er sich eine Haltemöglichkeit am Straßenrand. Er atmet ein paarmal durch, bis sich sein Puls etwas beruhigt hat.
So kenne ich mich überhaupt nicht. Entschieden versucht er, sich zur Ordnung zu rufen, aber trotz oder wegen der Gefahr, der er gerade erst entronnen ist, prickelt diese leichtsinnige Stimmung in ihm weiter. Er schaut auf die Uhr. Wie immer hat er einen übertrieben großen Zeitpuffer eingebaut. Heute wird er ihn einmal für sich nutzen, statt wie sonst vor der Tür der Kunden zu parken und brav eine halbe Stunde vor dem Termin Mails zu beantworten.
Er lässt sich von seinem Smartphone das nächste Café anzeigen und bestellt dort, nun völlig übermütig geworden, einen großen Himbeereisbecher. Mit Schoko-Sahne. Die Wälder und Felder, der knallblaue Himmel und die strahlende Sonne ziehen nochmals an seinem inneren Auge vorbei,