TATUM
Stille.
Klick.
Ausatmen, einatmen, Luft anhalten. Vollkommener Stillstand. Nichts als knackende Zweige unter meinen Füßen und raschelnde Laubbäume, die der Wind mit seinem nächsten Atemzug zum Tanzen brachte. Plätscherndes Wasser, das einen steinigen Abhang herunterfloss und sich zu einem Fluss verband, der links an mir vorbeirauschte.
Klick.
Ich senkte meine Kamera und schaute auf das kleine rechteckige Display, öffnete mit einem Knopfdruck die Bildergalerie und blätterte dann durch die Fotos, die ich soeben geschossen hatte. Das warme Farbenspiel zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht. Dann huschte mein Blick wieder zu den Bäumen, deren Kronen in den verschiedensten Farben leuchteten. Das Grün der Blätter strahlte mir geradezu entgegen und wurde von Knallrot, Orange und Gelb durchbrochen. Es roch nach Holz, Moos und Erde, eine frische Brise wehte. Ein perfekter Ort, um sich für eine Weile von der Natur ablenken zu lassen und alles um sich herum zu vergessen.
»Okay, okay, okay«, murmelte ich vor mich hin, während ich die Fotos durchsah. Es gab schon ein paar, die gut aussahen, dochdas eine Bild war noch nicht dabei gewesen.
Ich hob mir die Kamera wieder vors Gesicht und blickte durch den Sucher. Auf dem Foto würde der lange gerade Pfad zu sehen sein und zu seinen Seiten – fingers crossed, dass ich es symmetrisch hinbekam – die bunten Bäume.
Und dann kam mein Lieblingsmoment. Der Augenblick, bevor ich abdrückte. Ein paar Herzschläge der absoluten Ruhe, des Stillstands. Mit angehaltenem Atem versuchte ich, den perfekten Bildausschnitt zu erwischen, wartete und wartete … Ich genoss es jedes Mal aufs Neue. Wenn die Welt sich nicht weiterdrehte und ich in dieser Sekunde verharrte, bis …
Klick.
… ich abdrückte.
Mein allerliebstes Hobby, das mir half, zur Ruhe zu kommen: Fotografie. Besonders Landschaften hatten es mir angetan, und die gab es hier zuhauf.
Ich atmete aus und checkte das Display. Zufrieden grinsend klopfte ich mir in meiner Vorstellung auf die Schulter. Der Shot war echt gut geworden. So gut, dass ich hier nun fertig war und den Heimweg antreten konnte. Rasch ließ ich die Kamera in meine braune Tasche gleiten.
Während ich über die orangenen, grünen und braunen Blätter spazierte, die den Waldboden säumten, und die frische Herbstluft einatmete, wanderte mein Blick zu meinem flauschigen Begleiter. Er stolzierte neben mir her, den größten Stock zwischen den Zähnen, den er hatte finden können. Wie immer würde er den so schnell nicht mehr hergeben.
»Oh Sherlock«, flüsterte ich schmunzelnd.
Daraufhin erntete ich lediglich einen schrägen Blick, der mich nur noch mehr zum Lächeln brachte. Unglaublich, wie sehr ich diesen Hund in den letzten Jahren in mein Herz geschlossen hatte.
Als wir vor vier Jahren von Queens nach Golden Oaks gezogen waren, hatten wir kurzerhand beschlossen, unseren Traum von einem weiteren Familienmitglied wahr werden zu lassen, und diesen kleinen Frechdachs – wobei, ehergroßen Frechdachs – aus dem Tierheim adoptiert. Die Betreiber der Auffangstation hatten gemeint, dass er eine Mischung aus Golden Retriever, Schäferhund, Spitz und Pudel sei, wobei meiner Meinung nach ganz klar der Golden Retriever dominierte. Seit diesem Tag wich er mir nicht mehr von der Seite und war zu meinem besten Freund geworden. Ich hatte mir in all den Jahren einen Spaß daraus gemacht, ihm immer mehr Namen zu geben (er hatte keine Wahl gehabt, der Arme), und mittlerweile hieß er Sherlock Marshmallow Gary Pablo Escobark Sullivan. Kurz: Sherlock.
Jetzt, um die Mittagszeit, stand die Sonne weit oben am Himmel, brach vereinzelt durch die dünnen Äste und das Laub der umstehenden Bäume und kitzelte mich in der Nase. Auch wenn es bereits Anfang Oktober war, wurde mir mit jedem Schritt wärmer, also lockerte ich meine beige Herbstjacke und