„Doch – meine Lieblingsfarbe ist eigentlich Magenta!“, erklärte Loki. „Die Farbe hab ich nämlich selbst kreiert!“
'Ein Hauch Größenwahn ist auch vorhanden.', staunte der Coach.
„Wieso sollte ein Mann nicht auch mal Frauenkleider tragen, wenn ihm danach ist?“, fragte sich Loki. „Frauen tragen hierzulande ja auch Beinkleider und kurze Haare.“
'Der ist echt verpeilt!', stöhnte der Coach im Stillen. 'Oder er will mich provozieren...“ Da schwante ihm etwas.
„Raus damit,pink panther: Bist du etwa Lockvogel von 'Verstehen Sie Spaß'?“
Loki hob die Brauen. „Spaß verstehe ich jede Menge, aber ein Vogel bin ich nicht. Wenngleich ich mich daheim in einen solchen verwandeln kann...“
„Also, du arbeitest echt nicht für diese bescheuerte Sendung?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Loki rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her. Dabei entfleuchte ihm hinten Luft. Sein Coach errötete.
„Also... ähm... solche Darmgeräusche müssen natürlich auch unterbleiben, wenn du journalistisch tätig werden möchtest. Und dann noch deine Haare...“
„Was stimmt denn nun mit denen nicht?“, brummte Loki unwirsch.
„Ich versuch dir den Start ja nur zu erleichtern.“, beschwichtigte ihn der Coach. „Da muss mal ein Schnitt rein, und so strähnig... das geht gar nicht. Vielleicht hilft schon ein bisschen häufiger waschen...“
Loki hob die Brauen. „Waschen? Ich schmiere da von Zeit zu Zeit eine selbst zusammengebraute Tinktur rein. Daheim hat mir mein Frauchen die Haare zuweilen frisiert...“
Der Coach holte Luft. „Du bist... verheiratet?“
Loki grinste. „Hättste wohl nicht erwartet, was? Meine Sigyn nimmt mich so, wie ich bin! Momentan haben wir uns allerdings etwas auseinandergelebt.“
„Das geht mich ja nichts an.“, murmelte der Coach. „Übrigens könnte ich dir einen guten Friseur empfehlen. Und nun kommen wir mal zu deinem Curriculum Vitae...“
„Was für ein Ding?“
„Deinem Lebenslauf. Wir setzen jetzt mal zusammen deinen Lebenslauf auf. Absolut wichtige Sache.“
Lange Debatten gab es zunächst ums Geburtsdatum. In Asgard scherte man sich nämlich nicht um genaue Daten.
„Daten sind bei uns daheim Schall und Rauch.“, erklärte Loki.
'Ist bestimmt ein anarchistisch angehauchtes Elternhaus.', dachte der Coach bei sich.
Loki legte dem Coach ein kleines Quiz vor: „Heute vor exakt 30 Sonnenrunden bin ich geboren!“
Heikel war auch das Thema Schulausbildung. Da Loki mittlerweile aber einen einigermaßen Überblick hatte, was Lehranstalten in Midgard betraf, faselte er sich etwas zusammen. Natürlich hatte er das Abitur mit der Note Exzellent bestanden!
„Hast du die entsprechenden Nachweise dabei?“, fragte der Coach.
„Wenn ich nicht so verdammt unordentlich hätte, dann besäße ich die noch!“, suchte sich Loki aus der Affäre zu ziehen.
„Die brauchst du aber, sonst wird das mit der Karriere nichts.“, stellte der Coach klar.
'Dürfte kein Problem sein, solche Dinger zu fälschen!', spekulierte unser Schwerenöter. „Was brauch ich denn sonst noch unbedingt zu meinem Lebenslauf?“
„Ein hübsches Bewerbungsphoto. Das machst du aber bitte nicht selber, sondern gehst zum Fotografen. Und ohne pinke Brille auf der Nase.“
„Die wertet meine Visage aber auf!“, nörgelte Loki.
„Ohne die hab ich bestimmt Nachteile!“
'Der Typ treibt mich noch in den Wahnsinn.', seufzte der Coach.
Sie kamen nun zu den beruflichen Erfahrungen und Loki mächtig ins Plaudern.
„Farben kreieren – je schriller, desto besser. Meine Erfindung Magenta hab ich ja schon erwähnt. Darüber hinaus entwickle ich Kosmetik. Für meine Stiefmama hab ich eine ganz tolle Antifaltencreme zusammengerührt. Das Rezept verrate ich natürlich nicht. Ja, und darüber hinaus hab ich Pferde und Wölfe gezüchtet – sogar Schlangen...“
Der Coach lauschte mit verdrehten Augen. Sein Klient, so verfestigte sich sein Eindruck, war offenbar aus der Psychiatrie ausgerückt oder zumindest ein Fall für dieselbe. Ein notorischer Hochstapler...
„... An den von mir gezüchteten Pferden ist das Geile... sie haben acht Beine!“, plauderte Loki stolzgeschwellt fort. „Eins reitet Papa. Allerdings darf ich solche Rosse nur für unsere Familie züchten, sonst gibt’s massig Ärger. Meine Wolfszüchtung ist etwas daneben gegangen, muss ich zugeben. Das Biest ist nämlich ein Monster geworden, das immer an einer Kette liegen muss, damit es nicht die ganz Sippe verspeist...“
'So, jetzt langt's.', sprach der Coach zu sich und stöberte so diskret wie möglich nach der Nummer der Geschlossenen.
„Das mit dem Monsterwolf ist so ein bisschen wie in dem Buch 'Frankenstein'.“, sabbelte Loki, richtig in Fahrt gekommen, weiter. „Da geht Doktor Schlaumeier sein Experiment ja ebenfalls etwas daneben. Haben Sie das Buch auch gelesen?“
„Ähm... ja... im Englischunterricht.“, stammelte der Coach, dem Schweißperlen auf der Stirn standen.
Loki hielt inne. „Ich glaub, mit meinem Monsterwolf hab ich Sie in Schrecken versetzt, was? Der liegt ja an einer richtig fetten Kette, von der er nicht loskommt, keine Sorge. Aber um nochmal auf 'Frankenstein' zurückzukommen: Das ist mein absolutes Kultbuch! An einem Nachmittag hab ich das durchgelesen. Und wissen Sie was? Die Frankensteinsche Kreatur tat mir echt leid. Passiert sonst nicht so schnell, dass mir jemand leid tut. Meine Sippe hält mich für ein empathieloses Scheusal...“
'Für mich bist du lediglich ein durchgeknallter Fratz!', dachte der Coach. Endlich hatte er die richtige Nummer. „Entschuldigung – muss mal eben kurz telefonieren. Es ist nämlich so... für deine speziellen Fähigkeiten hab ich da jemand an der Hand, der kann dir mit Sicherheit Türen öffnen...“
„Wow! Her damit!“, glänzten Lokis Augen. Nach dem wirklich nur kurzen Telefonat brabbelte er weiter.
„Ich hab noch andere Biester gezüchtet, die auch ein bisschen grotesk geraten sind, zugegebenermaßen! Da wäre der T-Rex. Von dem passt gerade mal ein Fuß in Ihr Büro...“
Nervös wippte der Coach mit den Fersen. 'Hoffentlich beeilt die grüne Minna sich...'
„Ohne mich selbst loben zu wollen, muss ich sagen, dass ich in unserer doch weitläufigen Sippe mit Abstand der Begabteste bin!“, klopfte sich Loki auf die Brust. „Bei mir vergeht kein Moment ohne eine zündende Idee. Wenn man da meinen Stiefbruder Baldur neben stellt... Ein Dünnbrettbohrer, der jedem Trick auf den Leim geht...“
Ein energisches Klopfen unterbrach Lokis Selbstbeweihräucherung. Mit einem verdächtig erleichterten Lächeln ging sein Coach öffnen. Hinein marschierten mehrere kräftig gebaute Herren in weißer Gewandung.
„Bitte sehr, da sitzt mein besonderer Fall. Bitte nehmen Sie sich seiner in Ihrer Sprechstunde an...“
Da Loki die Ironie in dieser Anweisung nicht entging, schaltete er blitzartig um in den Alarm-Modus, und noch bevor die weißgekleideten Schergen ihn umzingelt hatten, war er mit einem Riesensatz aus dem (glücklicherweise) halb offenen Bürofenster hinaus. Drei Stockwerke flog er hinab, um ausgerechnet auf das Dach der dort geparkten Ambulanz zu knallen! Seiner göttlichen Fähigkeiten im Exil beraubt spürte er höllischen Schmerz und verlor gar das Bewusstsein!
Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einem anderen Büro, auf einer Liege ausgestreckt. Seine Füße waren an ein Gitter am Ende der Liege gekettet und sein Oberkörper eingeschnürt in eine Art harte dicke Decke! Ihm schräg gegenüber saß hinter einem großen Mahagoni-Schreibtisch ein streng dreinblickender Herr im weißen Kittel.
„Na, wie geht es uns denn?“, fragte dieser mit öliger Stimme.
„Wie's Ihnen geht, keine Ahnung – mir jedenfalls tut alles weh; vor allem so verpackt wie ein Paket!“, nörgelte Loki. Was ihm als ungutes Omen deuchte: Der Herr, offenbar ein Arzt, sah exakt so aus wie der Riese Thjazi, Kinderschreck von Asgard. Thjazi hatte ihn nämlich, als er noch klein und nicht so wehrhaft war, in Gestalt eines Vogels entführt. Ein wahres Kindheitstrauma, auch wenn Loki ihm nachmals dank seiner Pfiffigkeit entschlüpfen konnte...
Loki suchte sich halb aufzurichten. „Gestatten: Magenta Panther. Und Ihr werter Name?“
„Jazinski.“, lächelte der bebrillte Doktor. „Doch nun zu Ihnen, mein Freund. Was wir Ihnen da angelegt haben, ist ein Stützkorsett. Sie haben nämlich ganz viele Knochenbrüche nach Ihrem Sturzflug davongetragen...“
Das klang wieder verdächtig ironisch. 'So was Deppertes wär mir mit meinen magischen Flip Flops nicht passiert.', ärgerte sich Loki. Eins schien jedenfalls klar: Vom...