»Das hier nehme ich!« Johannas Stimme war vor Triumph satt und klar. Sie hielt einen Kranz aus Stoffblumen in die Höhe. Die Filzblätter hingen schlaff herab und an einigen Stellen war der Draht zu sehen, aber als sie sich den Kranz auf die blonden Locken setzte, war sie die Königin der Wiese. Im Gras standen mehrere Körbe, aus denen Kleidung quoll. Da waren der Umhang des Prinzen, die Papphelme der Wachen und ein paar Holzschwerter. Johanna kramte weiter in dem Durcheinander und die anderen Mädchen halfen ihr dabei. Kasper hatte sich die zottige Maske des Ungeheuers aufgesetzt und die Hände zu Klauen geformt. Er brüllte wie ein Löwe. Lachen und Rufe flirrten in der warmen Luft.
»Die Prinzessin hat eine Menge Text zu lernen«, rief Herr Pahl über die Köpfe hinweg. »Schaffst du das bis zum Erntemond?«
Johanna reckte das Kinn höher. Ihre runden Wangen waren rot vor Aufregung. »Gar kein Problem, Herr Pahl«, rief sie überzeugt und in diesem Moment, als alle sie ansahen, streckte Raph die Hand nach dem Hut aus.
Das alte Ding war einmal prächtig gewesen. Jetzt hatte der grüne Samt schon ein paar kahle Stellen und es gab eine Delle. Aber am Hutband steckten immer noch drei geschwungene Federn. Das Schauspiel wurde jedes Jahr von den älteren Kindern zum Erntemond aufgeführt und deshalb wusste Raph, dass auch schwarze Handschuhe dazugehörten. Genau wie der Umhang, den Oma aus einer alten Decke genäht hatte. Raph hatte den Umhang schon einmal heimlich anprobiert. Der schwere Stoff schwang bei jedem Schritt!
»Kasper übernimmt die Rolle Ungeheuers«, rief Herr Pahl und Kasper antwortete mit einem Brüllen. Seine Freunde johlten und Raph zog die Schultern etwas höher, obwohl keiner von ihnen herübersah.
Es war natürlich eine Unverschämtheit, der Prinz sein zu wollen. Das war eine der besten Rollen überhaupt. Mit großen Auftritten und den ganzen guten Sprüchen. Raph kannte sie alle auswendig. Den Kampf auf den Zinnen genauso, wie das Treffen mit der Prinzessin. Als hätte Johanna ihr Stichwort gehört, sah sie sich auf der Wiese um. Ihre Augen blitzten fröhlich auf. »Was willst du sein, Ella?«, rief sie hinüber.
Raph zuckte zusammen. Natürlich drehten sich jetzt auch die anderen zu ihr herum.
»Ja, was darf es ein, Raphaella?«, fragte Herr Pahl freundlich. »Eines der Bauernmädchen vielleicht? Oder die alte Hexe?« Er hielt den Stiel des Reisigbesens in die Höhe und die Jungen johlten über irgendetwas. Raph hatte lange über ihre Rolle nachgedacht. Sie hatte sich vorgestellt, wie sie sich den Hut mit einem Schwung auf den Kopf setzte und sich elegant verbeugte. Sie wollte mit jeder Faser ihres Herzens der Prinz sein. So wie früher, als sie und Johanna noch jung genug gewesen waren, um in ihrer Höhle im Wald die alten Geschichten nachzuspielen. Raph hatte der Gefangene sein dürfen, der von der Prinzessin befreit wurde. Oder der arme, aber mutige Dieb, der die Krone stahl. Es war schön gewesen, immer mal wieder für einen Nachmittag Johannas Held sein zu dürfen. Fast wie in den Geschichten, wenn Prinz und Prinzessin am Ende heirateten. Jetzt strich Raph ihre Schürze glatt und stand mit dem Hut in der Hand auf. Das Gras kitzelte an ihren nackten Zehen, die Sonne stach sie in den Nacken.
Sie spürte die neugierigen Blicke der Mädchen und musste nicht hinüber schauen, um zu wissen, dass die Jungen feixten. Und obwohl Herr Pahl freundlich guckte und Johanna strahlte, hing Raphs Arm schwer herab. Unmöglich, ihn in einem eleganten Schwung hochzureißen und sich den Hut auf die langen Zöpfe zu setzen. »Ich wäre gerne …« Ihre Stimme war ganz klein vor Aufregung.
»Etwas lauter!«, rief Hauke herüber.
Raph versuchte, das Kinn so anzuheben, wie Johanna es getan hatte. »Ich wäre gerne der Prinz!«, sagte sie, so laut sie konnte. Einen Moment war es auf der Wiese ganz still, man konnte sogar die dicken Hummeln im Klee hören und das Schwappen des Mühlrads unten am Fluss. Dann brach Kasper in ein gackerndes Lachen aus. Er trug immer noch die zottige Maske des Ungeheuers und seine Freunde fielen ein.
»Das geh