Prolog
Deutschland in den 1960er-Jahren.
Das Fernsehen ist noch schwarz-weiß, die Berliner Mauer ist gebaut worden, der Contergan-Skandal erschüttert Deutschland, das Attentat auf John F. Kennedy schockiert die Welt. Fernsehkrimis wie »Stahlnetz« oder Durbridge sind »Straßenfeger« und die Beat-Musik ist der neue Sound in den Radio-Hitparaden, vor allem die Musik der »Pilzköpfe« aus Liverpool, der Beatles.
Im südöstlichen Oberbayern liegt ein sechzehnjähriger Gymnasiast auf von der Augustsonne aufgeheizten Betonplatten am Ufer der reißenden Alz und blinzelt in die glitzernden Wellen.
Nicht weit davon ist er zu Hause. Nicht einmal hundert Meter hinter dem Garten seines Elternhauses könnte er in den dunkelgrün vorbeiströmenden Fluss eintauchen, aber er liebt besonders diese Stelle etwas weiter flussaufwärts. Hier verbringt er meist die heißen Sommernachmittage nach der Schule und nach unaufschiebbaren Hausaufgaben.
Der Fluss bringt das sommerwarme Chiemseewasser über die Wasserfälle von Altenmarkt herunter, holt sich an der Einmündung der gebirgsbachkalten Traun eine erfrischende Verstärkung und rauscht und gurgelt in wilden Wirbeln und Wellen an seinem Badeplatz vorbei hinunter zum Stauwehr von Trostberg.
Er könnte jetzt hier hineinspringen und sich hinuntertragen lassen bis hinter den Garten seines Elternhauses. Er könnte sich bis zu den Altenmarkter Wasserfällen hinaufbegeben und von dort herunter »flusswandern «, zwei Kilometer weit, mit einem kurzen Kälteschock am Zufluss der Traun, weiter vorsichtig im Flachschwumm über reißende Untiefen, dann um die Kurve an der Eisenbahnlinie schwimmen, in der sich das Wasser über dunkelgrünen Tiefen in respekteinflößenden Wirbeln umwälzt ...
Aber dann zu Fuß wieder zurück zum Liegeplatz? Bei dieser Hitze? Nein. Besser müsste man auf der Stelle schwimmen können, einfach genau hier hängen bleiben in diesen Wellen, sich von dem erfrischenden Nass mit den gurgelnden Luftbläschen umströmen lassen wie in einem Whirlpool. Und wenn es genug ist, wenn man genug abgekühlt ist, einfach wieder zurück zur Strohmatte auf dem heißen Uferbeton, zurück zum Transistorradio, aus dem die aktuellen Hits gegen das Rauschen des Flusses ankämpfen.
Hängen bleiben ...
In seinem Kopf formen sich Bilder aus der Vergangenheit. In der er als Neun- oder Zehnjähriger einen Teil der Sommerferien bei den Großeltern am Nordende der Stadt verbringen durfte.
Von der Kanalbrücke gleich unterhalb der Wohnung drang das Geräusch von Wasserplanschen und Jauchzen herauf. Da hatten die größeren Jungs aus der Nachbarschaft ein Holzbrett, etwa die Hälfte einer Holztür, mit einem dicken Seil an die Rohre der Brücke angehängt. Wenn es nicht benutzt wurde, war das Brett nicht zu sehen. Es lag auf dem Grund des Kanals. Nur ein kurzes, leicht in der Strömung zitterndes Seilstück war dann sichtbar, das sich von der Brücke schräg nach unten ins Wasser spannte.
Einer der Jungs sprang vor der Brücke ins Wasser, tauchte nach dem Brett und kam auf ihm stehend wieder an die Oberfläche. Er hielt sich mit einem kurzen Seilstück fest, das wie ein Zügel vorn am Brett festgemacht war. Durch Belasten und Einkanten des Bretts nach rechts oder links steuerte er hin und her. Die anderen am Kanalufer klatschten und jubelten. Da machte schon das Zuschauen Spaß. Günter, der Älteste von ihnen, tauchte mit dem Brett unter. Dazu drückte er mit den Füßen die Vorderkante nach unten. Sofort packte di