1. Kapitel
Ein monströses Schlagloch rumpelte die Limousine ordentlich durch. Claudia stieß mit ihrem Kopf an die Seitenscheibe. Genervt klopfte sie an das innere Sichtfenster des Fonds. „Sagen Sie mal, wie weit ist es denn noch?“
Ihr Fahrer ließ sich zu einem Seitenblick herab. „Sind gleich da“, antwortete er geduldig und formte unter seinem grauen Wuschelbart ein gruseliges Grinsen.
Claudia lehnte sich zurück und schaute hinaus. Kahle Bäume zogen vorbei, unaufhörlich, immerfort. Seit bestimmt zwanzig Minuten hatte sie nichts anderes mehr gesehen. Eine eigenartige Erfahrung für jemanden, der sein ganzes Leben fast ausschließlich in Städten verbracht hatte. Wiesen und Wälder kannte sie nur von Wanderurlauben und gelegentlichen Ausflügen mit ihrer Qigong-Gruppe, und bei solchen hatte dann üblicherweise die Sonne gelacht.
Hier und heute war es grau und trüb. Es ging auf den Dezember zu, und der späte Herbst hatte der Natur nur wenig Schönes gelassen. Manche Bäume, ihre Wurzeln von welkendem Laub bedeckt und vom Sonnenschein sträflich vernachlässigt, hatten Zweige und Auswüchse wie Klauen und Krallen gebildet. Zuweilen bewegten sich diese Glieder ganz deutlich, so als wollten sie nach jemandem greifen. Doch das war nur der Wind, wenn er streng und unvermittelt ins Gehölz fuhr.
Irgendwann lichtete sich der Wald, und die schmale Straße lotste das Fahrzeug an ein stattliches Herrenhaus aus dunkelrotem Backstein. Es bediente das barocke Vorbild eines Dreiflügelbaus. Claudia war beeindruckt. Die auf den Hof ausgerichtete Schaufassade schmückte eine prächtige Eingangspforte im Mittelhaus. Die zwei identischen Außenflügel stachen ein wenig hervor. Bedeckt von einem dunklen Satteldach verfügte das Anwesen über zwei Vollgeschosse und ein Souterrain, wie ihr die Fensterreihen verrieten. Inmitten dieser herbstlich düsteren Landschaft unter einem milchig weißen Himmel wirkte das Gebäude wie ein Sonnenaufgang.
Auf dem geschotterten Vorplatz hielt der Wagen an, und der riesenhafte Chauffeur machte Claudia die Tür auf. Sie kam der unausgesprochenen Aufforderung nach und stieg aus. Ein kühler Windstoß, der Nuancen von Moos und Harz mit sich trug, nahm sie in Empfang. Sie schaute sich um. Ringsherum war Wald. Eine Grundstücksumzäunung gab es nicht; ohne Nachbarn wohl nicht nötig.
„Das ist hier das einzige Haus weit und breit, oder wie?“
Der in eine Felljacke gezwängte Koloss antwortete nicht. Er furchte über den groben Schotter zum Kofferraum und nahm sich ihres Gepäcks an. Mit den beiden Reisetaschen verfuhr er so mühelos, als enthielten sie nur Watte.