Kapitel 3
Anna
Gemeindehaus der freikirchlichen Gemeinde Halle, 2. Juni
Vermutlich hätte die Probe schlimmer laufen können, obwohl sich Anna kaum vorstellen konnte, wie. Aber laut Torsten war es schon als Erfolg zu werten, dass sie überhaupt kommen durfte. Eigentlich hatte sie das Gefühl gehabt, gut vorbereitet zu sein. Schließlich hatte sie sich die CD der Band in den letzten Tagen in Dauerschleife angehört, um bei allen Songs Torstens Flöten-Einsätze herauszuhören. Außerdem hatte sie mit seinen Noten geübt. Er hatte sie mit Tipps geradezu überschüttet, so froh war er, eine Möglichkeit zur Rettung der Band gefunden zu haben. Wahrscheinlich hätte er sie auf Händen zu der Probe getragen, wenn sie ihn darum gebeten hätte.Vielleicht hätte ich ihn tatsächlich darum bitten sollen, dachte Anna missmutig.Dann wäre ich nicht dermaßen verpeilt in der Gegend herumgestolpert.
Es war kein glücklicher Zufall, dass Anna direkt von ihrem Optikertermin zur Probe rennen musste, mit der nagelneuen Brille auf der Nase durch den strömenden Regen, und mit Torstens handgeschriebenem Zettel als einziger Wegbeschreibung, weil sich der altersschwache Akku ihres Handys wieder einmal unerwartet verabschiedet hatte. Die Schrift war im Nu verschmiert und ihre Brille beschlagen. So dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis sie endlich die richtige Adresse ausgeknobelt und das Gründerzeithaus in der Segnerstraße gefunden hatte, wo die Band regelmäßig probte, und wo einer der Mitglieder offenbar wohnte.
Triefend nass und blind wie ein Maulwurf tastete sie sich die Treppe hinunter zum Kellergeschoss, rutschte prompt auf der vorletzten Stufe aus und flog mitsamt Instrumentenkoffer und Rucksack einem schmächtigen Jungen in die Arme, der vor der Kellertür offenbar gerade eine Raucherpause einlegte. Er stolperte rückwärts an der angelehnten Tür vorbei in den Flur, und landete mit ihr auf dem Boden. Mühsam rappelten sie sich wieder auf, wobei der Rest der Band, angelockt durch das Getöse, neugierig zusah. Beinahe wären Anna und der schmächtige Junge auch noch mit den Köpfen zusammengedonnert, als er auf dem Boden nach seiner ausgegangenen Zigarette tastete, während Anna auf Knien umherrutschte, um ihre malträtierten Flöten wieder in dem aufgesprungenen Instrumentenkoffer unterzubringen. Irgendwann gab er es auf, die Zigarette wiederzufinden, und Anna gab es auf, den Koffer zuzuquetschen.
Der Schmächtige streckte die Hand vor und fragte: „Marie, richtig?“
„Äh, nein“, erwiderte sie, wollte seine Hand schütteln und griff daneben. Im zweiten Anlauf erwischte sie die Hand und stotterte hektisch los: „Na ja, ganz falsch liegst du nicht. Ich heiße eigentlich Anne-Marie. Anne-Marie Margrethe, um genau zu sein. Nach der dänischen Königin und ihrer Schwester. Das hat meine Oma ausgesucht, die ist totaler Fan der skandinavischen Königshäuser. Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass sie mir nicht auch noch Benedikte aufs Auge gedrückt hat. So heißt nämlich die dritte Schwester. Aber alle nennen mich Anna.“
Anna lauschte mit wachsender Verzweiflung ihrem eigenen Redeschwall und beschloss, den Rest des Nachmittags lieber die Klappe zu halten, um nicht noch mehr zusammenhan