Agnes Ebner fuhr von ihrem Lager auf, als sie dumpfes Poltern und laute Flüche vom Erdgeschoss her hörte. Hastig warf sie sich einen alten Umhang über die schmalen Schultern und stieg die Treppe – eigentlich war es mehr eine Leiter, die zu den beiden Dachkammern führte – hinab.
»Sei still, Vater! Der Mutter geht es heut sehr schlecht! Der Doktor hat gesagt …«
Quirin Ebner starrte seine Tochter aus glasigen Augen an.
»Der Doktor hat was gesagt? Der Kurpfuscher kommt nimmer ins Haus, das hab ich gesagt! Der zieht uns nur das Geld aus der Tasche, und nix wird besser!«, rief er in aufflammender Wut. »Aber dich werd ich’s lehren, net das zu tun, was ich will!«
Ehe Agnes zurückweichen konnte, traf sie ein harter Schlag auf die Wange, dann noch einer, und schützend hob sie die Arme vor das Gesicht – eine Geste, die ihr seit frühester Kindheit nur allzu vertraut war.
»Du unnützes Ding!«
Harte Beschimpfungen prasselten auf das junge Mädchen herab, auch daran war es gewöhnt. Ängstlich sah Agnes zu ihrer Mutter hinüber, die auf einem alten Notbett neben dem Kamin gebettet war, dort war es am wärmsten in der verwohnten Hütte. Doch Marie Ebner bekam nichts von den Ereignissen mit, sie lag in tiefem Schlaf, vielleicht war sie auch wieder in die Bewusstlosigkeit hinübergeglitten.
Ebner gönnte der Kranken keinen Blick, sein angestauter Zorn entlud sich auf seine unglückliche Tochter, die zitternd vor ihm stand.
Niemand hätte mehr in Quirin Ebner den ansehnlichen, kraftvollen Mann vermutet, der er einmal gewesen war. Aufgeschwemmt und mit geröteten, aufgedunsenen Zügen, die einen gemeinen Ausdruck angenommen hatten, wirkte er vor der Zeit gealtert. Seine vernachlässigte Kleidung – unterwegs musste er sich bei einem Sturz noch den Jackenärmel zerrissen haben – tat ein Übriges.
Dabei hatte Quirin Ebner durchaus die Möglichkeit gehabt, aus seinem Leben etwas zu machen. Von seinen Eltern hatte er ein stattliches Anwesen geerbt, und seine junge Frau Marie, die ihn aus Liebe geheiratet hatte, war auch nicht ohne Mitgift ins Haus gekommen.
Doch unmerklich zunächst nahm sein Leben eine verhängnisvolle Wende; Missernten und Fehlplanungen ließen ihn Schulden machen, dazu kam noch die schleichende Krankheit seiner Frau. Ebner hatte wenig Ausdauer und Durchhaltevermögen; er suchte Trost im Wirtshaus und verlor bald alles, was er noch besaß.
Die älteren Geschwister von Agnes waren schon in alle Winde zerstreut, nur Agnes und eine jüngere Schwester harrten noch bei den Eltern aus.
Wieder trat Ebner drohend auf Agnes zu.
»Warst beim Leitner-Bauern? Hast du wenigstens die Stelle bekommen?«
Agnes schüttelte stumm den Kopf.
»Hätt ich mir ja denken können! Wer nimmt denn schon so eine Jammergestalt! Wie komm ich nur zu so einer Tochter! Schämst du d