Im Porträt
Ein malerisches Dorf an der Unterems
Künstler sehen Oldersum
Eines der zahlreichen Ortsbilder
des Oldersumer Malers
Georg Kretzmer (1920–2001)
zeigt den Blick von der
Alten Waage zum schräg
gegenüberliegenden Ufer
des Sieltiefs (hier als Ausschnitt des querformatigen Bildes).
Künstler und Orte bilden oft eine starke Verbindung. In und an bestimmten Orten scheint den Kulturschaffenden etwas Wesenhaftes zu begegnen; etwas, das ihnen ein Versprechen gibt. Das Versprechen, ihrer Art der Darstellung entgegenzukommen und ihnen dabei zu helfen, ihre Sicht der Wirklichkeit ausdrücken zu können. Kurz gesagt: eine Verfügbarkeit zu bieten für ihre Malerei, ihre Musik, ihre Literatur oder darstellende Kunst. Idealerweise tragen die Künstlerinnen und Künstler diesen Inspirationsfunken eines Ortes, den Genius loci, dann weiter durch ihr Werk und durch ihr Leben.
Ein Blick in die Kunstgeschichte zeigt, dass Bildende Künstler von Orten geprägt wurden, dass sie aber auch umgekehrt Orte oft über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, geprägt haben. Oft sind es ihre Bilder und Installationen, die unseren Blick auf Orte geformt und unbekannte Orte überhaupt erst auf die Landkarte gesetzt haben.
Künstler kreieren Orte
Ganz der Landschaft verbunden, zeigte sich der Oldenburger Maler Paul Müller-Kaempff, als er zum Ende des 19. Jahrhunderts an der Ostsee den Küstenort Ahrenshoop für sich und seine Malerei entdeckte. Gelegen an der historischen Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern, begründeten Müller-Kaempff und seine Künstlerkollegen und Kolleginnen – wie Grebe, Balzer, Schorn oder von Eicken – nicht nur eine Künstlerkolonie, sondern gaben mit ihren Häusern auch den Anstoß für das heutige Seebad.
Schon 1889 war 18 Kilometer nördlich von Bremen eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft im Teufelsmoor entstanden, die das bäuerliche Örtchen Worpswede auf die Landkarte hob. Die Stadtflucht, aber auch romantische Sehnsüchte nach einem einfachen, naturnahen Leben bewogen Künstler wie Fritz Mackensen, Hans am Ende, Otto Modersohn und seine Frau Paula, sich hier niederzulassen. Anschließend machte Rainer Maria Rilke (nur) die genannten Herren mit seinem Buch über Worpswede unsterblich.
Am südwestlichen Jadebusen schließlich logierten während mehrerer Arbeitsaufenthalte zwischen 1909 und 1912 die großen deutschen Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel. Die Gründungsmitglieder der Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ entdeckten den Küstenort für ihre Sommerfrische; er war aber auch ihr Rückzugsort und ihre Quelle der Inspiration. Hier schufen beide ausdrucksstarke Bilder von Mühlen, Plattbodenschiffen und Gutshöfen in einer farbig aufgeladenen Küstenlandschaft.
Ein malerischer Ort an der Unterems: Oldersum, mit der Seeschleuse (li.)und der Hafenrinne (re.), als markante emsseitige Wasserzugänge.
Das typisch Norddeutsche wird hier bildhaft
Auch der kleine Hafenort Oldersum hat immer wieder Künstler angezogen, und das nicht zu Unrecht.1 Denn das typisch Norddeutsche kommt in dem 1500-Seelen-Dorf äußerst konzentriert und charakteristisch zum Ausdruck. Der Ort an der Unterems verfügt mit seinen umliegenden Deichen, dem Hafen und den Werftgebäuden, mit Siel und Seeschleuse, Schiffen und Booten, der alten Seilerei und manch historischem Gebäude – und zudem früher noch mit der Windmühle und einem herrschaftlichen Burggebäude – gleich über eine Vielzahl von malerischen Aspekten. Das haben Künstler wie Jann Jakob Stein (1898–1942), Robert Koepke (1893–1968) oder Gerd Gramberg (1923–2013) bald begriffen und sich vor allem der Hafenlandschaft und Hafenwirtschaft gewidmet, um dabei bezaubernde Lichtstimmungen und Wasserspiegelungen einzufangen – wie in dem 1954 entstandenen Gemälde „Sommermorgen in Oldersum“ des gebürtigen Br