: Harlich H. Stavemann
: Unerschrocken weiterleben Todesangst und existenzielle Probleme erkennen und bewältigen. Mit Online-Material
: Beltz
: 9783621289047
: 1
: CHF 21.70
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 187
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die ständige Sorge um die eigene Gesundheit oder ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle oder Befürchtungen, die sich auf das Jenseits beziehen, können Anzeichen für eine zugrundliegende Todesangst sein. Todesangst gehört zum Leben. Ist sie übermächtig, wird sie jedoch zu einem existenziellen Problem und kann zu psychischen Leiden und drastischen Einschränkungen im Alltag führen. Der Ratgeber beschäftigt sich mit den Ursachen und Auswirkungen von Todesangst und den damit verbundenen ungünstigen Sicherheits- und Gefahrenkonzepten. Harlich H. Stavemann bietet Betroffenen praxisnah konkrete Strategien, wie sie störende Verhaltensweisen und typische Denkfehler aufdecken und verändern können. Die enthaltenen Arbeitsmaterialien und Übungen stellen das notwendige Handwerkszeug zur Selbsthilfe bereit und ermöglichen von Todesangst geplagten Personen, ihre existenziellen Problemen zu erkennen und zu bewältigen. Aus dem Inhalt: 1 Was ist Todesangst? 2 Was sind existenzielle Probleme? 3 Eigene Gefahrenkonzepte als Ursache für die Todesangst und das existenzielle Problem erkennen 4 Das Ziel: angemessene Gefühls und Verhaltensreaktionen bei Unsicherheit und Gefahr 5 Eigene existenzielle Probleme bewältigen 6 Das neue Gefahrenkonzept leben lernen

Dr. Harlich H. Stavemann, Dipl.-Psych., Lehrtherapeut/Supervisor für Kognitive Verhaltenstherapie, Leiter des Instituts für Integrative Verhaltenstherapie (IVT) in Hamburg.

2Was sind existenzielle Probleme?


Definition

Einexistenzielles Problem liegt vor, wenn jemand aufgrund unrealistischer Befürchtungen vor dem Sterben in Todesangst gerät oder wenn er alles tut, um diese Todesangst zu vermeiden und dadurch unter den inKapitel 1 beschriebenen Konsequenzen leidet.

Das, was existenzielle Probleme kennzeichnet, sind die unrealistischen Gefahrenkonzepte der davon Betroffenen in Bezug auf ihr weiteres Dasein. (Hierzu gehörenkeine ökonomischen oder sozialen Befürchtungen.)

2.1 Was sind Gefahrenkonzepte?


Halten wir zunächst einige Ergebnisse fest, die wir bisher erarbeitet haben:

  • Todesangst ist das Ergebnis aus einer Gefahrenzuschreibung (wenn wir eine Situation für lebensgefährlich halten).

  • Gefahrenzuschreibungen können mehr oder weniger realistisch sein.

  • Unrealistische Gefahrenzuschreibungen führen zu unnötiger Angst.

  • Nicht Angst schützt vor einer Gefahr, sondern nur eine hilfreiche Strategie, mit der man eine Gefahr erfolgreich bewältigt.

Der letzte Aspekt beschreibt ein Gefahrenkonzept: Die eigene Strategie, wie man mit vermeintlich gefährlichen Situationen umgehen sollte. Konzepte sind kognitive (gedankliche) Pläne, die wir – mehr oder weniger gezielt – gelernt und verinnerlich haben und nun bewusst oder unbewusst anwenden, wenn wir glauben, mit einer gefährlichen Situation konfrontiert zu werden. Zum Beispiel: Was mache ich, wenn ich

  • im Wald auf einen Bären treffe?

  • unterwegs von jemandem ein Messer vor die Nase gehalten bekomme und er Geld fordert?

  • Auto fahre und plötzlich die Bremsen versagen?

  • vom Arzt höre, dass ich einen Bypass brauche?

  • im Freien bin und ein Gewitter aufzieht?

Besitze ich eine Vorstellung davon, wie ich mit den jeweiligen Situationen erfolgreich umgehe, sind dies meine Gefahrenkonzepte – egal, wie tauglich sie wirklich sind.

2.2 Wann sind Gefahrenkonzepte schädlich?


Prinzipiell können sowohl sinnvolle als auch untaugliche Gefahrenkonzepte erhebliche schädliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Untaugliche Gefahrenkonzepte

Hierzu zählen alle Strategien, die eine bestehende Lebensgefahr nicht ausschalten oder zumindest nicht reduzieren können. Als ein Beispiel dafür mag die kindliche Strategie stehen, sich bei Gefahren einfach die Augen zuzuhalten oder die Bettdecke über den Kopf zu ziehen.

Dass solche Gefahrenkonzepte nicht schützen, ist offensichtlich. Manche schädigen jedoch zusätzlich durch die dadurch hervorgerufenen Konsequenzen und Nebenwirkungen. Zum Beispiel, wenn sich jemand bei Gefahr die Augen zuhält und gleichzeitig wegläuft (ohne zu sehen wohin). Oder wenn jemand versucht, vermuteten Hautkrebs mit einer Stahlbürste abzuschrubben oder einem Herzinfarkt dadurch vorzubeugen, indem man jede körperliche Anstrengung vermeidet.

Sinnvolle Gefahrenkonzepte

Ist unser Leben tatsächlich bedroht, kann ein sinnvolles Gefahrenkonzept durchaus lebensrettend sein. »Kann« deswegen, weil sich nicht jede Gefahr erfolgreich beseitigen lässt. Sonst könnte man ja ewig leben.

So weit, so gut. Wohl dem, der hilfreiche Gefahrenkonzepte erlernt hat und diese dann auch sinnvoll anwendet. Letzteres ist entscheidend dafür, ob die Vorteile oder die Nachteile aus einem Gefahrenkonzept überwiegen. Wir haben bereits inKapitel 1 etliche Beispiele dafür gesehen, wie prinzipiell sinnvolle Strategien sich durch ein Zuviel in unangemessene wandeln, weil die negativen Konsequenzen die positiven bei weitem übersteigen. Wir erinnern uns an den »Waschzwang«: Prinzipiell ist es sicherlich vorteilhaft, sich nach dem Heimkommen und vor dem Essen die Hände zu waschen, um möglichst keine schädlichen Keime aufzunehmen. Ein Zuviel davon schädigt jedoch die Haut und führt zu zusätzlichen Infektions- und Krankheitsrisiken. Hier wird dann ein ursprünglich sinnvolles Gefahrenkonzept zu einem schädlichen.

Fazit

Gefahrenkonzepte sind schädlich, wenn sie ausschließlich Nachteile bewirken oder wenn die negativen Konsequenzen die positiven übersteigen.

2.3 Kennzeichen für schädliche Gefahrenkonzepte


ImKapitel 1 betrachteten wirVerhaltensregeln, die Todesangst kurzfristig verhindern oder doch zumindest mindern sollen. In diesem Kapitel geht es nun um dieDenkweisen, die verantwortlich für ein existenzielles Problem sind. Die Anzahl der der unterschiedlichen »Tricks« ist jedoch recht übersichtlich, denn die meisten lassen sich in drei Kategorien einteilen:

(1)

Fordern nach Sicherheit

(2)

Fordern nach Kontrolle

(3)

Fordern nach gesichertem Wissen

Betrachten wir diese Varianten genauer.

(1) Sicherheitsforderer

»Ich brauche Sicherheit!« ist der Leitsatz eines jeder Sicherheitsforderers, denn sie meinen, damit ihrem existenziellen Problem zu entkommen. Wir wundern uns daher nicht, dass sie erst dann aktiv werden, wenn sie »ganz sicher« sind, dass ihnen nichts passieren kann – und dementsprechend alles unterlassen, solange die vermeintliche Sicherheit nicht garantiert ist.

(2) Kontrolleure

»Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!« Die meisten kennen dieses Motto, das insbesondere Menschen verinnerlicht haben, die glauben, durch Kontrolle Sicherheit zu erlangen.

Wahre Kontrolleure würden den ersten Halbsatz allerdings komplett streichen und es lediglich bei »Kontrolle ist besser« belassen. Denn das Letzte, was sie täten wäre, jemandem zu vertrauen. Denn das würde ja totalen Kontrollverlust bedeuten – lebensgefährlich!

(3) Jenseitsorientierte

Wer an ein Jenseits glaubt und sicher sein möchte, dass es ihm dort gut geht, benötigt gesichertes Wissen in vielerlei Hinsicht, insbesondere auf die Fragen

  • Gibt es wirklich ein Leben nach dem Tode (sodass es sich überhaupt lohnt, die glaubensbedingten Einschränkungen im jetzigen Leben auf sich zu nehmen)?

  • Wer entscheidet, ob bzw. wie es weiter geht?

  • Nach welchen Regeln wird das entschieden (d. h. welcher Glaube ist der richtige)?

  • Kann man Verstöße gegen die Regeln wieder wettmachen (z. B. durch Sühne oder Reue)?

Und bitte: Kann ich das alles schriftlich haben?

Jenseitsorientierte Betroffene fordern gesichertes Wissen über Glaubensfragen. Da Glauben aber nichts mit Wissen zu tun hat, geraten sie regelmäßig in Todesangst, wenn sie ihre zukunftsbezogene Unsicherheit erkennen.

Wohin diese drei Konzepte führen, betrachten wir inAbschnitt 2.5.

Und jetzt Sie!

Welche(s) schädliche(n) Gefahrenkonzept(e) verfolgen Sie selbst? Bitte beschreiben Sie dafür konkrete Beispiele.

2.4 Wie entstehen schädliche Gefahrenkonzepte?


Wir stellten in der Einleitung fest, dass der Wille zum Überleben angeboren ist. Daher ist es auch durchaus nachvollziehbar, dass Menschen »natürlich« versuchen,...