Anna Kramer schaute aus dem Küchenfenster nach draußen, wo es gerade wieder angefangen hatte zu schneien.
Der Winter war heuer lang und schneereich gewesen. Auch jetzt, Mitte März, mochte der grimmige Geselle sein Regiment noch nicht an den Frühling abtreten. In den vergangenen Tagen war es unter dem Einfluss von Föhnwinden in Mittenwald schon recht mild gewesen. Nun aber hatte der Himmel sich dunkelgrau bezogen, und die Welt schien hinter einem blassweißen Perlenvorhang zu verschwimmen.
Anna seufzte leise. Die hübsche junge Frau war Mitte zwanzig, schlank und fesch. Die blonden Locken umrahmten ein herzförmiges Gesicht, in dem die klaren, tiefblauen Augen bestachen. Anna hatte ein mitreißendes Lachen und war im Grunde ihres Herzens ein fröhlicher Mensch. Nun aber war ihr hübsches Gesicht blass, und die Augen schienen durch eine vereiste Scheibe ins Nichts zu schauen. Schweres lag hinter ihr und Schweres vor ihr.
Manchmal hatte Anna das Gefühl, dass vor einem Jahr die Welt über ihr zusammengebrochen war und sie noch immer blind und verwundet in den Trümmern nach einem Ausweg aus Schmerz und Verzweiflung suchte. Dabei hatte sie vor nur wenigen Jahren ihr Heimatdorf Hohenkirchen mit klaren Plänen und Zielen verlassen. Und es war ihr durchaus gelungen, diese in die Tat umzusetzen. Ja, sie könnte nun ein glückliches Leben führen, wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte.
Die junge Frau wandte sich vom Fenster ab, vor dem der Schneefall immer dichter wurde. Sie griff nach einem Pappbecher mit Kaffee, den sie im nahen Imbiss geholt hatte, ging hinüber in die einst gute Stube, wobei sie den Blick durch die Fenstertür auf den dahinterliegenden Balkon tunlichst vermied, und hockte sich im Schneidersitz auf einen Umzugskarton.
Warum wirkten Zimmer nur so groß, wenn sie leer waren? Jedes Geräusch schien sich mit seinem eigenen Echo zu verweben und sie daran zu gemahnen, dass es Zeit wurde, zu gehen, diesen Ort zu verlassen und ein neues Kapitel in ihrem Lebensbuch aufzuschlagen.
Anna sehnte sich danach, die Wohnungstür zum letzten Mal ins Schloss zu ziehen und nie wieder zurückzukehren. Auch wenn sie ahnte, dass sie den Schmerz und die Trauer mit sich nehmen würde. Dabei war es einmal anders gewesen, ganz anders. Und das war noch gar nicht so lange her …
Anna war mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Christa auf dem elterlichen Berghof oberhalb von Hohenkirchen nahe Mittenwald aufgewachsen. Das sportliche Madel, das von klein auf im Winter über die Pisten gesaust war und im Sommer die höchsten Gipfel um Hohenkirchen bestiegen hatte, war das genaue Gegenteil seiner Schwester.
Christa war ebenfalls hübsch und klug, aber bedächtig und in allem stets abwägend. Niemals hätte sie sich absichtlich in eine gefährliche Situation begeben. Das, was Anna »ins Risiko gehen« genannt hatte, war ihr ein Gräuel gewesen.
Freilich hatte Anna mit ihrem unbekümmerten, sonnigen Gemüt die Burschen im Tal zum Schwärmen gebracht. Als die Schwestern heranwuchsen, hatte Anna stets an jedem Finger ein halbes Dutzend Verehrer gehabt, während Christa im Schatten der Schwester ein wenig verblasst war.
Dabei war es keineswegs Annas Absicht gewesen, die Ältere auszustechen, im Gegenteil. Anna hatte sich stets Mühe gegeben, mit der Schwester auszukommen, die sie von Herzen lieb hatte. Aber Christa war distanziert geblieben. Ein nie ausgesprochenes Gefühl von Eifersucht hatte