: Grete Hartwig-Manschinger
: Rendezvous in Manhattan Amerikanischer Roman
: DVB Verlag
: 9783903244214
: 1
: CHF 13.20
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: Erzählende Literatur
: German
Manhattan in den frühen 1940er Jahren. Wie viele junge Frauen aus der migrantischen Arbeiterklasse schuftet die bildhübsche Fabrikangestellte Edna Scarlatti im Akkord, um den bescheidenen Lebensunterhalt ihrer Familie zu finanzieren. Wie viele junge Frauen aus einfachsten Verhältnissen träumt Sie von der Liebe und vom großen Glück. Auf einer Vergnügungsreise, für die sie lange gespart hat, lernt sie den charmanten Ingenieur Ray Garguin kennen, der sich Hals über Kopf in Edna verliebt und diese schnell in luftige gesellschaftliche Höhen entführt. Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte voller Hindernisse und Unwägbarkeiten nimmt ihren Lauf, die erst durch den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende findet. Grete Hartwig-Manschingers im amerikanischen Exil verfasster großer New-York-Roman 'Rendezvous in Manhattan' erschien erstmals 1948 in Wien und ist seitdem zu Unrecht völlig in Vergessenheit geraten.

Grete Hartwig-Manschinger (1899-1971), in Wien geborene Tochter des Freidenkers Theodor Hartwig und Schwester der jüngst wiederentdeckten Schriftstellerin Mela Hartwig, war Autorin, Diseuse und Gesangslehrerin. In Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann, dem Komponisten Kurt Manschinger (1902-1968), verfasste sie zahlreiche Gedichte, Lieder, Sketche und Opernlibretti. Mit dem 'Anschluss' Österreichs 1938 floh das unmittelbar vom Nationalsozialismus bedrohte Paar nach Großbritannien. In London wirkte es am Laterndl-Theater, das als Kleinkunstbühne des Austrian Centre ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt der Exilantenszene war. 1940 erfolgte die Ausreise in die Vereinigten Staaten. In New York verfasste Hartwig-Manschinger ihren Roman Rendezvous in Manhattan, der 1948 in Wien erschien. Wie ihre Schwester Mela kehrte sie nie mehr in ihre Heimat zurück. Sie starb 1971 in Florida. Ihr facettenreiches Oeuvre ist im deutschsprachigen Raum nahezu vollständig in Vergessenheit geraten.

I.


Als die Nacht über Manhattan herunter sank, brachte auch sie keine Kühlung. Da lag die langgestreckte Insel mit ihrem Häusermeer, aus dessen Poren die tagsüber aufgespeicherte Hitze ungebrochen strömte. Nicht einmal an den Ufern der sie einsäumenden Gewässer konnten die erschöpften Menschen Linderung finden. Zu hunderttausenden flüchteten sie wohl an den Hudson, den East River, den Harlem-Fluß und den Hafen, dankbar für die geringste Brise, die über die feuchten Körper strich. In den Wohnungen war es unerträglich in solcher Sommernacht. Und doch mußte man schließlich nach Hause gehen, denn der normale New Yorker mußte ja in der Früh in die Arbeit. Sogar die Liebespaare, die auf dem Strande von Coney Island promenierten, mußten einmal nach Hause.

In den Straßen saßen die Leute auf den Stufen der Häuser, auf den Feuerleitern, im offenen Hausflur, auf den Fensterbrettern. In dem Proletarierviertel um die Mercer Street spielte sich in solchen Tagen und Nächten das ganze Privatleben auf der Straße ab. Männer spielten Karten, Burschen trainierten für Baseball, junge Mädchen drehten sich die Locken, Halbwüchsige horchten auf biologische Geheimnisse, Schulkinder machten Aufgaben, Mütter stillten ihre Säuglinge, all das inmitten von Geschrei, Streit, Gelächter, Flirt und Kameraderie. Nicht vor Mitternacht wurde die Straße leer. Auch dann bot sich durch die offenen beleuchteten Fenster das Privatleben dar. Dazu brüllten die Radioapparate, wurden Ehekämpfe ausgetragen, die nächste Generation erzogen und dem gedrängten Beisammensein allerhand Ventile geöffnet. Endlich wurde es ruhig; auch in der Scarlatti-Wohnung.

Edna konnte nicht schlafen; es war zu heiß. Die Feuchtigkeit der Luft lag wie ein Gewicht auf Kehle und Brust. Obwohl alle Fenster und Türen offen standen, wollte kein erlösender Luftzug entstehen.

Edna schlug das Leintuch zurück. Nun zog sie sich auch noch das Nachthemd aus. Je weniger man an hatte, desto besser. Auch Mona lag nackt. Die Bogenlampe Ecke Mercer und Spring Street warf Licht auf ihren schmächtigen Kinderkörper. Vielleicht schlief sie. Vor einer kurzen Weile war sie in die Küche gegangen, um zu trinken. Auch Edna hatte Durst, doch zweifelte sie daran, daß die warme, schale Flüssigkeit, die aus der halbzerbrochenen Pipe kam, auch helfen würde. Am besten war es, ruhig zu liegen. Die geringste Bewegung würde nur noch mehr Schweiß auf die Stirne treiben. Es war nicht Schweiß allein. Es war ein klebriges Gemisch von Transpiration und der von außen kommenden Feuchtigkeit. Es war der neunte Tag einer Hitzewelle, und das Wetterbüro meldete bedauernd, daß keine Aussicht auf Erleichterung war. New York kochte. Es war Mitte Juli. Dieses Wetter konnte unter Umständen bis Oktober andauern. Oh, es war nicht auszudenken. Man konnte das einfach nicht aushalten. Edna stöhnte.

Die reichen Leute konnten sich helfen. Nicht nur konnten sie in ihren Autos aus der Stadt hinausflitzen und ein kühles Plätzchen im Gebirge aufsuchen; sie konnten in luftgekühlten Büros arbeiten und ihre Abende und halbe Nächte in eiskalten Vergnügungslokalen verbringen. Aber ein Mädel wie sie?

Es war, weiß Gott, nicht das Wetter allein. Es war alles. Alles war schlecht. Ihr ganzes Leben. Und auch da keine Aussicht auf Besserung, Änderung, Erlösung.

Für die Armut an sich konnte und wollte sie ihre Eltern nicht tadeln. Wenn man arm geboren war, nie eine Chance hatte, nie ein bißchen Glück, niemanden, der einem half, dann war es schwer, sich hinauf zu arbeiten. Die Nachbarn waren auch arm; die ganze Mercer Street; das ganze Viertel. Die Häuser sahen alle gleich aus, schmutzig, vernachlässigt, dunkel; kein fließendes Wasser, keine Heizkörper; hier existierten die technischen Errungenschaften nicht, für deren Erfindung und Installierung Amerika berühmt war.

In der Scarlatti-Wohnung war kein Möbelstück ganz. Der Dreck häufte sich. Wanzen und Küchenschaben gediehen. Die Malerei fiel von den Wänden. Die gesprungenen Fenster wurden nicht repariert. Der Hausverwalter hatte immer andere Ausreden. Er vertröstete. Aber es hätte auch keinen Unterschied mehr gemacht, wenn er wirklich malen hätte lassen. Und wer hätte Schutt und Mörtel wegputzen müssen, sobald die Anstreicher mit ihrer Arbeit fertig waren? Nur sie. Der bloße G