: Julie Peters
: Käthe Kruse und die Träume der Kinder Roman
: Aufbau Verlag
: 9783841229526
: Die Puppen-Saga
: 1
: CHF 7.40
:
: Romanhafte Biographien
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

in Leben für die Kinder und die eigene Unabhängigkeit 

< >Berlin, 1902: Die junge Käthe verliebt sich in den Bildhauer Max Kruse. Als sie schwanger wird, gerät sie in Konflikt mit den Moralvorstellungen der Berliner Gesellschaft und zieht in die Schweiz. Auf dem Monte Verità findet sie inmitten von Künstlern die Freiheit, nach der sie sich sehnte. Als ihre Tochter sich eine Puppe wünscht, macht Käthe sich an die Arbeit. Weich und anschmiegsam soll sie sein, geeignet zum Spielen. Die Puppe wird ein voller Erfolg. Soll Käthe alles auf eine Karte setzen und sich etwas aufbauen - und was bedeutet das für ihre Liebe zu Max? 

Die packende Geschichte von Käthe Kruse, einer facettenreichen Frau, die die Bedürfnisse von Kindern verstand und als berühmteste Puppenmacherin der Welt Geschichte schrieb



Julie Peters, geboren 1979, arbeitete als Buchhändlerin und studierte Geschichte, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie lebt mit ihrer Familie im Westfälischen. Im Aufbau Taschenbuch sind bereits ihre Romane 'Mein wunderbarer Buchladen am Inselweg', 'Mein zauberhafter Sommer im Inselbuchladen', 'Der kleine Weihnachtsbuchladen am Meer' sowie 'Die Dorfärztin - Ein neuer Anfang' und 'Die Dorfärztin - Wege der Veränderung' und 'Ein Sommer im Alten Land' erschienen. Bei Rütten& Loening erschien zuletzt 'Ein Winter im Alten Land'.

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Breslau, August 1883

Der Korb mit der Wäsche hing schwer an ihrem Arm. Noch schwerer aber fühlte sich der Bauch an, seit Tagen schon hatte sie das Gefühl, einen Felsbrocken verschluckt zu haben, der sie hinunterzog. Christiane Simon blieb auf halbem Weg die Straße runter stehen, sie stellte den Korb ab und stemmte beide Hände ins Kreuz. Vorsichtig nur streckte sie sich und drückte den dicken Bauch nach vorn. Nicht ohne vorher die Straße rauf und runter zu schauen, ob sie auch niemand bemerkte.

Sie redete sich ein, bisher habe niemand ihren Zustand bemerkt, der so blitzartig über sie gekommen war.Wir haben doch aufgepasst, wieso passiert dir trotzdem was? Roberts Worte, anklagend und verbittert, als sie im März endlich den Mut gefunden hatte, ihm den Grund für ihr wochenlanges Unwohlsein zu beichten. Nach fünf Jahren, in denen er sich zu ihr schlich, wann immer sein Beruf und das Familienleben mit Frau und zwei wohlgeratenen Söhnen es ihm erlaubten, wares nun doch passiert.

Beide waren zu fromm aufgewachsen, um das in Erwägung zu ziehen, was manch andere junge Näherin oder Weißwaschfrau machen ließ, wenn sie dieses Schicksal ereilte. »Wegmachen lassen wir’s aber nicht.« Seine Worte. Sie hatte aufgeatmet. Hatte sie doch in Gedanken schon versucht, sich daran zu gewöhnen, dasses bald vorbei sei, wenn sie zur Engelmacherin ging. Der Gedanke war zu ungeheuerlich, es ging einfach nicht. Sie wollte dieses Baby nicht abtreiben.

»Aber merken darf’s auch keiner, was da bei dir los ist.«

Danach hatte er sie ein paar Wochen lang nicht besucht, und als er wiederkam, hatte er einen Plan, einen ungefähren zumindest. »Du musst aus der Stadt, wenn’s so weit ist. Ich suche was, da kannst du es zur Welt bringen.«Es. Nie sprach er vom Kind oder ließ sonst irgendwie erkennen, dass da schon bald ein Menschlein in der Welt sein würde, sein drittes Kind, ihr erstes. Etwas, das sie mehr verband als zuvor, dachte Christiane zumindest. Manchmal wirkte er so fern, dann wieder so streng, so zärtlich. Ein ständiges Wechselbad war es mit Robert, doch sie konnte nicht von ihm lassen.

Still hegte sie die Hoffnung, er würde sich mit dem Kind mehr ihr zuwenden. Dass er seine Familie für sie verließ, die Hoffnung hatte sie längst begraben, das würde niemals geschehen. Hatte er ihr auch von Beginn an so gesagt. »Was soll ich denn meine Familie verlassen, wie stellst du dir das vor? Meiner Frau kann ich das nicht antun, sie liebt mich doch.«

Aber ich liebe dich auch, hätte sie gern eingewandt. Spürte zugleich, dass ihre Gefühle nicht zählten. Genauso wenig würde wohl ihr Kind einen Unterschied machen. Dennoch hielt sie sich daran fest, denn an irgendwas musste sie sich an den stillen, dunklen Abenden festhalten, wenn sie mit schmerzendem Rücken und brennenden Augen beim schwachen Funzellicht über die Nähmaschine gebeugt saß.

Heute war also ihr letzter Tag in Breslau. Es war Ende August, kühl und fast schon herbstlich. Erstes Laub wehte über die Straße in den Rinnstein. Fröstelnd zog sie das wollene Tuch enger um die Schultern, nahm den Korb wieder hoch und ging mühsam weiter.

Als Näherin wurde sie am Dienstboteneingang empfangen. Das konnte ihr nur recht sein.

»Ah, Frau Simon.« Die Haushälterin Anna Schlösser begrüßte sie. »Haben Sie alles dabei?«

Christiane hob den Korb hoch, reichte ihn weiter. Frau Schlösser öffnete die Deckel, zog bestickte und gesäumte Tischtücher heraus, sorgfältig geplättet und gefaltet. Darunter noch Handtücher, zwei Dutzend Taschentücher. Ein großer Auftrag war es diesmal gewesen.

»Das sieht fein aus, danke. Warten Sie, ich hole das Geld.«

Sie klang beinahe freundlich, wo sie sonst für Christiane allenfalls abfällige Bemerkungen übrighatte. Die Dienstmädchen, die in diesem Haushalt in Stellung waren, ließen selten ein gutes Haar an ihr, umgekehrt war’s ähnlich, und auch die Frauen, die an die Hintertür kamen und ihre Dienste als Näherinnen und Wäscherinnen anboten, mussten mit Frau Schlössers harschen Worten klarkommen.

Unauffällig glitt ihr Blick über Christianes Körpermitte. Sie bemerkte es trotzdem, weil sie so sehr darauf bedacht war, ihren Zustand zu verbergen. Christianes Wangen wurden heiß. Sie war froh um das schwarze Alltagskleid, es kaschierte. Trotzdem war für den geübten Blick kaum übersehbar, in welchen Umständen sie war.

»Hier.« Frau Schlösser legte ein paar Münzen in ihre Handfläche.

»Ich bin nun eine Weile nicht in der Stadt«, sagte Christiane leise.

»Ach ja. Denk’s mir.« Frau Schlösser runzelte die Stirn, als müsste sie angestrengt überlegen. »Da habe ich noch was für Sie.« Sie kehrte mit einem Bündel zurück, das sie der verdutzten Christiane nun hinhielt. »Das hier hatten wir noch übrig. Man könnte vielleicht ein paar Mullwindeln daraus zuschneiden. Sie wissen ja, wie das geht.«

Völlig überrumpelt von so viel Freundlichkeit, stotterte Christiane ein Dankeschön, doch da hatte Anna Schlösser ihr schon das Bündel aus alten Bettlaken in die Hand gedrückt und wieder ihren hochmütigen Gesichtsausdruck aufgesetzt, dass Christiane sich bloß nichts auf ihre Freundlichkeit einbildete.

»Wenn Sie zurück sind, kommen Sie vorbei. Wird sich schon etwas Arbeit finden. Und nun einen guten Tag auch, ich habe hier noch zu tun.«

Rums, knallte sie Christiane die Tür vor der Nase zu, als müsste sie sich selbst davor bewahren, zu viele nette Worte an die junge Frau zu verschenken, als könnte deren Elend auf sie abfärben. Christiane trug das Bündel zur Straße, sie fühlte die Müdigkeit bleischwer in den Knochen. Nicht nur ihre Umstände waren es, weshalb sie so düstere Gedanken hatte, auch die Ablehnung, die ihr von so vielen Frauen entgegenschlug, sobald sie ihren Zustand bemerkten. Dabei tat Christiane alles, um ihn zu verbergen. Als könnte sie damit die anderen vor den unguten Gefühlen bewahren. Aber in wenigen Wochen kam das Baby zur Welt, da ließ sich nichts mehr verbergen, spätestens wenn sie danach wieder auf Arbeitssuche ging. Sie konnte so ein Würmchen ja nicht einfach zu Hause allein lassen. Sie wusste wohl, dass andere Frauen das machten, wenn sie auf sich gestellt waren, weil der Mann weg war oder es nie einen gegeben hatte, der sich verantwortlich zeigte. Aber das brachte Christiane nicht übers Herz.

Es blieb wohl nur eine Möglichkeit, wie sie nach der Geburt ihrer Arbeit nachgehen konnte, ohne dass man sie wegen ihres Kinds schräg anschaute. Sie musste den Säugling weggeben. In Pflege oder in ein Waisenhaus, ihn auf den Stufen einer Kirche ablegen. Möglichkeiten gab’s schon. Aber konnte sie denn sicher sein, dass man sich kümmerte?

Für Robert war die Sache klar. Wennes erst vorbei war, sollten sie zu ihrem alten Leben zurückkehren. Und das hieß: ohne das Kind.

Das schaffe ich nicht, dachte sie. Ihre Hand strich verstohlen über den Bauch. Du gehörst doch zu mir.

»Nun stell dich nicht so an.«

»Lass los!«, zischte Christiane. Sie zog ruckartig ihren Arm aus seiner Umklammerung. Robert schnaufte. Seit dem frühen Morgen hatten sie nun diskutiert, immer wieder dieselben Argumente ausgetauscht, bis die Kutsche vor dem Haus vorgefahren war, die Christiane, so sein Wunsch, aus der Stadt bringen sollte. Doch sie ließ sich nicht brav von ihm in die Kutsche setzen, sondern wollte weiter mit ihm streiten. Darum blieb sie davor stehen und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust. Da hatte er sie grob angepackt und sie angebrüllt. Jetzt stand er vor ihr wie ein begossener Köter, die Arme hingen herunter. Bestimmt blieb der Aufruhr nicht unbemerkt, und Christiane wusste, genau das hatte er um jeden Preis zu verhindern versucht.

Robert schwitzte, bemerkte sie. Christiane legte den Kopf schief. Beinahe fasziniert beobachtete sie, wie er da vor ihr stand und nach Argumenten suchte, die sie dazu bewogen, sich...