Vermisst
»Und was sollen wir da jetzt machen?«, fragte Christian Köhler.
»Ich hab’s dir doch erklärt«, entgegnete Sascha Ballauf genervt. »Es ist möglich, dass Peter Freiwald tot ist, und deshalb sollt ihr dazustoßen.«
»Noch wird er nur vermisst«, sprang Sabine Grotewohl ihrem Partner bei. Sie verstand die ganze Aktion ebenfalls nicht. Sabine Grotewohl und Christian Köhler, im Präsidium auch als »Grotte« und »Shaft« bekannt, waren nämlich bei der Mordkommission und nicht bei den Vermissten angesiedelt. Grottes Spitzname leitete sich von ihrem Namen und ihrer gelegentlich groben Art ab, während »Shaft« auf Christian Köhlers Hautfarbe anspielte. Er war ebenso schwarz wie der aus den 1970er-Jahren bekannte US-Fernsehkommissar Shaft.
Grotte und Shaft waren schon seit Langem ein Team und auch privat beste Freunde. Trotz oder gerade wegen ihrer jahrelangen Verbundenheit waren sie nicht immer einer Meinung, aber selten waren sie sich so einig wie in diesem Moment. Sascha Ballauf hatte sie vor wenigen Minuten einem Vermisstenfall zugeteilt, und dieser war schlicht und einfach nicht ihr Aufgabengebiet.
»Ich habe keine Lust, mit euch zu diskutieren«, bellte Ballauf. »Noch bin ich euer Vorgesetzter, und deshalb macht ihr jetzt, was ich euch sage!«
Das mit dem »noch« bezog sich auf Ballaufs Pensionierung, die in wenigen Monaten anstand.
»Wir sind zwar Beamte«, konterte Grotte, »aber keine Leibeigenen, mein Freund.«
»Und ich bin nicht dein Freund, sondern dein Boss, und jetzt seht zu, dass ihr euch bei Dieter meldet, Herrgott noch mal!« Damit ließ Ballauf die beiden stehen und eilte in Richtung seines Büros davon. »Immer diese Diskutiererei …«, motzte er und schlug die Bürotür krachend hinter sich zu.
Grotewohl und Köhler sahen sich fragend an, dann hoben sie synchron die Schultern und wandten sich zum Gehen. Wenn der Boss es so wollte, würden sie eben nach einem Vermissten suchen.
»Wenigstens müssen wir nicht nach einer Katze Ausschau halten«, bemerkte Grotte und beide lachten. Sabine Grotewohl war Ende zwanzig, klein, schmal und flink. Auf den ersten Blick eine leichte Beute, doch genau das wurde ihren Gegnern oft zum Verhängnis. Sie hatte den dritten Dan in Hapkido, einer fernöstlichen Kampfsportart. Die Nasen, die sie im Laufe ihrer Karriere bereits gebrochen hatte, konnte sie kaum zählen. Ihr Kleidungsstil mutete lässig an und stand in starkem Kontrast zu dem ihres Partners, der ausnahmslos maßgeschneiderte Anzüge trug. Grotewohls grüne Augen waren stets hellwach und scannten ununterbrochen die Umgebung. Sie war schlagfertig und frech. Darüber hinaus war sie mit einem wachen Verstand ausgestattet, aber auch mit einer gehörigen Portion Zorn, der so manches Mal dazu führte, dass ihr die Sicherungen durchbrannten. Ihre blonden Haare band sie meist zu ein