: Joan Aiken
: Die Kristallkrähe
: Diogenes
: 9783257612547
: 1
: CHF 10.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kleine alltägliche Schrecknisse steigern sich in der ?Kristallkrähe? über große Verwirrungen zu einem finsteren Ende. Da ist die junge Schriftstellerin, die mit ihrer entsetzlich eifersüchtigen Freundin zusammenlebt, die Ärztin und ihr Bruder, dem sie eine tödliche Krankheit bescheinigt, dazu kommen diverse Schizophrene und Depressive und - ein entlaufener Leopard.

Joan Aiken, Tochter des amerikanischen Lyrikers Conrad Aiken und seiner kanadischen Frau, wurde 1924 in Sussex geboren. Ihre ersten Gedichte und Schauergeschichten schrieb sie im Alter von fünf Jahren. Sie wurde Verfasserin zahlreicher historischer Romane, moderner Thriller und vieler Kinderbücher. Joan Aiken starb 2004 in Petworth, West Sussex.

Der Zug rumpelte zwei Abende vor Weihnachten durch die kalte Nacht, und ich saß darin und blickte aus dem schwarzen Fenster und weinte unauffällig und leise, bedrückt und traurig, daß ich von fröhlichen Freunden wieder zurück nach Hause mußte, zu den Kümmernissen einer Liebe, die am Verwelken war. Ich war zu Besuch bei einer großen Familie gewesen – alles sehr glückliche, sehr musikalische Menschen, deren ganzes Leben heiter und beschwingt schien wie eine komische Oper. Es hatte nur einen Moment der Mißstimmung gegeben – als Paul, der älteste Bruder – der hübsche –, einen Augenblick die Beherrschung verlor und den Pfau auf der Terrasse erschoß, weil er ein Kreischen in As von sich gab, während er eine Violinsonate in cis-Moll spielte, doch der Pfau war ohnedies lahm, und einige meinten, es sei eine barmherzige Erlösung. Es waren Menschen, von denen jeder für sich sein Leben lebte, ungezwungen und in bester Harmonie miteinander, wie man es sich im Paradies vorstellt, und es war mir gar nicht recht, in mein eigenes Leben zurückzukehren, das mir bis jetzt ganz gut gepaßt hatte, doch jetzt war mir, als sollte ich in einen nassen Badeanzug schlüpfen, und am liebsten hätte ich das Ganze hinausgeschoben.

Die Tallents neigten nicht zum Grübeln; ihre Begeisterung, ihre Sorgen, falls sie welche hatten, was sie voneinander dachten und hielten – all das ergoß sich in einem ständigen Redeschwall; wie erholsam war das nach dem brütenden Schweigen daheim! Und was sie redeten, war intelligent, doch nicht bedeutungsschwer; es war auf kein bestimmtes Ziel gerichtet; sie redeten, weil sie es gern taten, das war alles. Ich hatte mit Paul und seinem Cousin Finn eine zwanzig Kilometer weite Wanderung gemacht; sie sahen gut aus, sie waren fröhlich, sie alberten die ganze Zeit herum; ich hätte mich leicht in jeden von ihnen verlieben können, doch irgendwie schienen in diesem Haus gefühlsmäßige Bindungen nicht nötig, war gar keine Zeit dafür; der Strom freundlicher Zuneigung schoß über dieses Wehr hinweg. Ich hatte mich diesem Strom überlassen, war in ihm untergetaucht und hätte mit Freuden immer auf diese Weise gelebt, und jetzt, als ich wieder an trockenes Land gestiegen war, überkam mich plötzlich ein trostloses Gefühl, verlassen zu sein, Gelegenheiten versäumt zu haben. Ich hatte nie zuvor über den freien Willen nachgedacht, doch als mich der Zug immer weiter nach Süden trug, wurde mir plötzlich klar, daß sich mir die Chance geboten hatte, Neues und Unbekanntes zu erleben, und daß ich sie nicht genützt hatte. »Schreib uns, schreib uns bal