Verführung
Die ganze Nacht hatte ich mich hin und her gewälzt. Sobald ich die Augen geschlossen hatte, tauchte das Paar aus der Stadt in meinen Gedanken auf. In Woodshire hatte ich keine dritte Person in seiner unmittelbaren Nähe gesehen. In meiner Vorstellung verzogen sich ihre Gesichter zu Fratzen, ich glaubte gar, die Schreie der Bäckersfrau zu hören. Ein eisiger Schimmer kroch über meine Haut. Meine Geschwister und ich schliefen auf dem Dachboden, wo auch Getreide und Heu lagerten und den man durch eine Sprossenleiter erreichen konnte. Cecilia hatte sich auf meinen Schlafplatz verzogen, der, wie alle Schlafplätze im Haus, aus einem Fell und Stroh bestand. Mutter und Vater sahen es nicht gern, wenn Cecilia bei mir schlief.
„Alleine hat sie mehr Ruhe“, sagten sie. Doch sie atmete gleichmäßiger, wenn sie in meiner Nähe war. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass sie sich sicher bei mir fühlte. Ich hauchte ihr an diesem Morgen einen Kuss auf das Haar, und obwohl ich müde war, war ich noch nie so glücklich gewesen, die ersten Sonnenstrahlen zu sehen.
Nach dem Frühstück und einer Unterrichtsstunde, die Abigail dieses Mal allein übernahm, brachen die Kinder zur Feldarbeit auf. Meine Pflichten sahen anders aus. Der Grundherr verlangte nach mir.
„Besser gesagt, seine Frau Eve will dich sehen. Du sollst das Silberbesteck putzen. Sie erwarten am Wochenende Gäste. Mach uns keine Schande, sei fleißig!“, befahl Vater, der im Hof mit Mutter Holz schichtete.
„Natürlich, Vater. Die Herrschaften können sich auf mich verlassen.“ Wie konnte er nur Anderes annehmen? Sein Misstrauen kränkte mich, aber ich ließ es mir nicht anmerken.
Großmutter war mit dem Einsammeln von Eiern beschäftigt und winkte mir zum Abschied. Ich trug mein weit geschnittenes Tageskleid, dazu Lederschuhe mit Absatz, die mir Eve Ruven geschenkt hatte und in die ich eigentlich sonst nur für den Gottesdienst schlüpfte. Aber heute erschien es mir richtig. Dass die Grundherrin mich sehen wollte, änderte meine Gemütsverfassung, denn auf sie freute ich mich. Ich hoffte, dass Ruven nicht da sein würde, was ich kaum glaubte. Die Hälfte des Weges zu seinem Anwesen führte durch ein Waldstück. Die Kronen der Laubbäume bildeten ein schützendes Dach, durch das Sonnenstrahlen drangen. Vögel zwitscherten auf den Ästen. Ich atmete die würzige Luft in meine Lunge und versuchte, die Gedanken über das, was Cecilia mir erzählt hatte, weit von mir zu schieben. Das knöchellange Kleid warf Falten um meine Beine. Trotz der Wärme, die in den Tag strahlte, hatte ich mir Strümpfe angezogen. Am liebsten hätte ich auch mein Gesicht vor Leonard Ruven verschleiert. Das lange rötliche Haar hatte ich zu einem strengen Knoten zusammengebunden und unter einer Haube verborgen, so wie Mutter es tagsüber fast immer trug. Vielleicht war es ganz gut, durchfuhr es mich, dass ich letzte Nacht so wenig Schlaf gefunden hatte. So sah ich sicher zerknittert aus und Ruven würde seine Annäherungen dieses Mal unterlassen, sobald Misses Eve ihm den Rücken kehrte. Er fand immer einen Weg, dass sie dies tat. Dass es Absicht war, konnte er dabei geschickt vor ihr verbergen. Es war mir mehr als unangenehm und tat mir unendlich leid für sie. Einmal war ich kurz davor gewesen, ihr davon zu berichten. Doch ich wusste, ihr Gatte hätte sich herausgeredet, das konnte er sehr gut – reden und überzeugen.
Das große weiße Haus der Ruvens stand auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von kräftig gewachsenen Platanen und sattem Grünland. Eine Veranda zierte die Südseite. Zwei große Scheunen dienten als Lagerraum für wertvolle Güter