PROLOG
Jessica, elf Jahre
»Die Nacht war finster und …« Trockenes Gras raschelte unter meinen Füßen, als ich zögernd einen Schritt vorwärts machte. Stürmisch? Nee. Es wehte kein Lüftchen. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich zu der fahlen Mondsichel hinauf. Außerdem war es auch noch gar nicht richtig dunkel, der sommerliche Abendhimmel färbte sich gerade erst indigoblau. Irgendwo bellte ein Hund und verstummte wieder, dann waren nur noch meine Schritte zu hören. Sie schienen von überall her widerzuhallen, als wäre ich das einzige lebendige Wesen in diesen fremdartigen, tückischen Gefilden. »Trostlos«, vollendete ich den Satz schließlich im Flüsterton. Ich straffte die Schultern und nahm all meinen Mut zusammen. »Es war eine … düstere und trostlose Nacht, aber die Prinzessin setzte ihre Reise trotzdem tapfer fort. Ihr Prinz und Retter war dicht hinter ihr, daran glaubte sie von ganzem Herzen. Sie musste sich nur an dieser Hoffnung festhalten.«
Schwer atmend und mit hüpfendem Puls lief ich weiter. So weit hatte ich mich noch nie allein von zu Hause entfernt, nichts an der Umgebung schien mir vertraut. Wo bin ich nur? Während sich der Himmel stetig verdunkelte, flackerten in einiger Entfernung Lichter auf, und ich ließ mich von ihnen leiten wie von einem Wegweiser, einem Leuchtfeuer. »Am Himmel funkelten die Sterne, und die Prinzessin folgte den hellsten von ihnen. Sie vertraute fest darauf, dass sie sie an einen Ort führen würden, an dem sie Schutz fände …« Mein Magen knurrte derart laut, dass er sogar das abendliche Zirpen der Grillen übertönte. »Und Nahrung.«
Mit einer Hand umklammerte ich das Buch, das ich dabeihatte, während ich vorsichtig und mit der anderen Hand Halt suchend die Anhöhe erklomm, die wie eine Barriere zwischen mir und den hellen Lichtern – Straßenlaternen, wie ich jetzt erkannte – aufragte. »Obwohl die Prinzessin erschöpft war von ihrem Gewaltmarsch, bezwang sie mit letzter Kraft den Steilhang. Von dort oben würde sie sehen können, wo sie sich befand, und mit ein bisschen Glück sogar einen Blick auf ihren Prinzen erhaschen, der ihr auf seinem treuen Ross hinterhergaloppierte.«
Die Lichter kamen immer näher, und als ich am höchsten Punkt der Erhebung zwischen den Büschen auftauchte, fand ich mich vor einem Bahngleis wieder. Ich stieß keuchend den Atem aus und ließ meinen Blick schweifen, bis er unterhalb des Abhangs auf einem weiten Feld landete, das an einen Golfplatz angrenzte. Mir entfuhr ein erleichterter Seufzer, nun kannte ich mich wieder aus. Direkt hinter dem Golfplatz lag das Wohnviertel mit meinem Elternhaus. Wie hatte ich mich bloß so sehr in meiner Fantasiewelt verlieren können, ohne zu merken, dass ich eine derart weite Strecke zurückgelegt hatte?
Jetzt mach dich lieber mal auf den Heimweg!
Doch stattdessen blieb ich noch einen Moment dort oben stehen und schaute unverwandt in die Richtung, in der mein Zuhause lag. Im Kopf hörte ich immer noch das Schluchzen meiner Mutter, die ärgerliche Stimme meines Vaters, den Knall, mit dem mein jüngerer Bruder die Tür zuschlug, als er sich nach nebenan zu seinem Freund Kyle flüchtete. Ich will nicht dorthin zurück. Ohnehin würden sie mein Verschwinden erst in ein paar Stunden bemerken. Wenn