13. Kapitel
Berlin-Moabit, Institut für Rechtsmedizin:
Donnerstag,10. September,10.43 Uhr
Mit fachkundigem Blick sah Doktor Justus Jarmer auf den Körper herab, der vor ihm auf dem Sektionstisch lag.Unfall, Suizid oder Tötungsdelikt? Die Polizei hält Letzteres zumindest immer noch für möglich, wenn auch eher für unwahrscheinlich, überlegte er. Auf deren Veranlassung hatte die Staatsanwältin beim zuständigen Richter die Obduktion beantragt. Das war in der Regel eine reine Formsache, denn den Anträgen wurde in neunundneunzig Prozent der Fälle stattgegeben. Und das aus gutem Grund. Die Richter wussten, dass sich kein Staatsanwalt freiwillig unnötige Arbeit ans Bein binden würde, was nach einer Obduktion mit allem damit verbundenen Papierkram und den gegebenenfalls noch nachfolgenden Untersuchungen und Zusatzgutachten zwingend die Folge war. Und einem solchen Beschluss auf Durchführung der Obduktion hatte Jarmer es zu verdanken, dass der noch unbekannte Tote jetzt vor ihm auf dem blanken Stahl des Sektionstisches lag.Todesursache unklar. Doch in gut einer Stunde würde er mehr wissen, wenngleich er bereits eine Vermutung hatte. Dass der Mann keinerlei Geld und Papiere bei sich trug, hatte er schon von Hauptkommissarin Müller gehört. Obwohl Jarmer klar war, dass das nichts zu bedeuten hatte. Der Mann hätte sein Portemonnaie ja gar nicht dabeihaben müssen, als er ins Wasser geriet, oder es war in der Strömung aus der Tasche gerutscht. Doch sein Instinkt sagte ihm, dass das hier nicht zwangsläufig der Fall gewesen sein musste. Und auf seinen Instinkt konnte er sich in der Regel verlassen.
Bevor Jarmer mit seiner Arbeit begann, ging er noch einmal alle Informationen des Falles durch, die ihm vorlagen. Dabei ließ er mit der rechten Hand unaufhörlich und in atemberaubendem Tempo einen Kugelschreiber um seine Finger kreisen. Ein Tick, der noch aus seiner Jugend stammte und bei ihm Zeichen höchster Konzentration war. Jarmer blickte auf die Notizen vor sich. Es war gegen zwölf Uhr gewesen, als Enno Friedrich die Leiche des Mannes am Vortag aus dem Wasser gezogen hatte. Friedrich hatte die leblose Person von der gegenüberliegenden Straßenseite aus im Wasser wahrgenommen, kurz nachdem er einen Discounter verlassen hatte. Als er den Körper geborgen und an Land gezogen hatte, wählte er den Notruf. Den Rettungssanitätern war sofort klar, dass hier jegliche ärztliche Hilfe zu spät kommen würde, denn schon ein erster oberflächlicher Blick zeigte, dass längst die Leichenfäulnis eingesetzt hatte.
Der Tote trug eine dunkle Hose und eine Jeansjacke, darunter ein T-Shirt. Der linke Fuß steckte in einer dunkelblauen Socke mit großen, bunten Punkten, der rechte Fuß war nackt. Die wenig später eingetroffenen Beamten der Schutzpolizei hatten die völlig durchnässte und verschmutzte Kleidung des Toten auf Ausweispapiere oder andere Identitätshinweise untersucht, ohne jedoch fündig zu werden.Das ist nicht eben viel, dachte Jarmer,aber ein Anfang.
Er blickte er zu Jeanine Öttinger, seiner Sektionsassistentin, hinüber, die an der Stirnseite des Obduktionstisches stand. Aus ihren hellen, blauen Augen erwiderte sie Jarmers Blick.
»Ein Fall für die Mordkommission?«, fragte sie und traf damit genau den Gedanken, der dem Rechtsmediziner ebenfalls durch den Kopf ging.
»Schwer zu sagen, aber gleich wissen wir mehr.«
Der Hintergrund von Öttingers Frage war allerdings von wesentlicher Bedeutung. Denn wenn sich der Verdacht eines Tötungsdeliktes während seiner Untersuchung bestätigte, musste Jarmer die Obduktion sofort abbrechen und die Mordkommission darüber in Kenntnis setzen.
Diese würden dann, wie es in Berlin üblich war, kurz darauf, meist in Begleitung der zuständigen Staatsanwältin oder dem zuständigen Staatsanwalt, aber immer mit einem Fotografen der Spurensicherung in das Rechtsmedizinische Institut kommen.
Jarmer warf einen prüfenden Blick auf den Toten, dann sagte er: »Lassen Sie uns anfangen. Sobald wir einen Hinweis auf ein mögliches Gewaltdelikt haben, schalten wir die Mordkommission ein. Wenn sich das Ganze aber als Unfall herausstellt, wollen wir die Kollegen nicht umsonst bemüht haben.«
Öttinger nickte, und Jarmer begann mit der äußeren Leichenschau, wobei er jedes noch so kleine Detail mit seinem Diktiergerät aufzeichnete.
Er ging dabei systematisch