: Lucy Delap
: So sieht Feminismus aus Die Geschichte einer globalen Bewegung
: Karl Blessing Verlag
: 9783641276980
: 1
: CHF 8.00
:
: Gesellschaft
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mary Wollstonecraft, Simone de Beauvoir, Judith Butler: Diese Ikonen des Feminismus sind in aller Munde. Aber was ist mit Funmilayo Ransome-Kuti, Alexandra Kollontai oder Rokeya Sakhawat Hossain? In ihrer 250 Jahre und fünf Kontinente umspannenden Geschichte macht Lucy Delap deutlich, dass der Feminismus keine westliche Erfindung ist: Kurzweilig und inspirierend zeigt sie auf, dass konkrete historische Ereignisse rund um den Globus seine mosaikartige Entwicklung vorangetrieben haben und diese nicht losgelöst von Hautfarbe, Klasse und Sexualität gedacht werden kann. Freiheits- und Klassenkampf, neue Formen des Zusammenlebens sind beeinflusst von feministischem Denken und umgekehrt.

Ein erfrischend neuer, postkolonialer Blick auf eine weltweite Bewegung, der in seinem Bezug zur Vergangenheit die Debatten der Gegenwart bereichert und öffnet.

Lucy Delap ist Historikerin mit den Forschungsschwerpunkten Feminismus, Alltagsgeschichte, Arbeiterbewegung, Religion und Inklusion. Sie lehrt an der University of Cambridge. Für ihr BuchThe Feminist Avant-Garde wurde sie mit dem Women's History Network Prize ausgezeichnet.

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TRÄUME

Als ich mich in den 1990er-Jahren während meines Studiums zum ersten Mal mit der Geschichte der Feminismen befasste, veranlasste mich eine zufällige Begegnung während eines Seminars dazu, mich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, von welcher Art von Träumen Feminist:innen wohl angetrieben würden. Eine Kommilitonin aus einem höheren Semester hatte sich neben mich gesetzt, und wir verfolgten beide eine Debatte über feministische Philosophie. Oder vielleicht hörte ich zwar zu, habe aber zugleich eine höchst lebhafte Erinnerung an ihre regenbogenfarbenen Zehensocken. In ihrer Art der Selbstdarstellung wirkte sie auf unbekümmerte Weise unkonventionell. Wir begannen, uns über Feminismus zu unterhalten, und ich war aufrichtig geschockt, als sie mir erzählte, ihre Vision von Feminismus bestehe darin, dass er das Geschlecht vollständig auslösche. Sie träumte von einer Welt, in der die Kategorien männlich und weiblich schlichtweg irrelevant wären. Mit den heutigen nicht binären trans- und genderneutralen Formen von Identität, auf die experimentell oder auch sehr bestimmt zurückgegriffen wird, wirkt dieser Traum womöglich weniger Grenzen sprengend, und auch meine eigenen Ansichten sind unkonventioneller geworden. Aber diese Begegnung war ein wichtiger Moment für mich, denn sie offenbarte mir, wie divers die mit Feminismus verbundenen utopischen Hoffnungen sind und dass ich mich mit den bestehenden Kategorisierungen von Männlich- und Weiblichkeit weiter auseinandersetzen würde. Träume haben ein großes Potenzial, um Impulse für Veränderung und Andersartigkeit zu schaffen. Im späten 18. Jahrhundert nannte die Schriftstellerin Mary Wollstonecraft siewild wishes, »wilde Wünsche«, Momente der Vorstellungskraft, die offenbaren, was Frauen und Männer dazu brachte, ein feministisches Bewusstsein zu entwickeln.

Träume bieten einen sehr persönlichen, intimen Einblick in die Beweggründe, aus denen feministischer Aktivismus entstanden ist. Sie entstehen im Kontext der Lebensverhältnisse der Träumer:innen – ihrer Familie, ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt, den Büchern, die sie lesen, ihrer Gemütsverfassung. Träume stehen aber auch in direktem Zusammenhang mit dem historischen Moment, mit dem, was im Kontext von beispielsweise Besatzungszeit, Revolution, Urbanisierung oder Hungersnot vorstellbar ist. Es ist vorstellbar, dass feministische Träume klein anfingen und das Hauptaugenmerk auf der Gleichberechtigung der Geschlechter oder auf der Erlangung bestimmter Rechte lag, etwa des Sorgerechts für Kinder. Doch nur ein kurzer Blick auf die Verschiedenartigkeit der Träume und Träumer:innen, die wir in den Jahrzehnten des späten 18. Jahrhunderts und im 19. Jahrhundert vorfinden, belehrt uns eines Besseren. Die Träume des Charles Fourier (1772–1837) und seiner Anhänger:innen sind bezeichnend für die Ambitionen und verblüffende Heterodoxie früherer Zukunftsvisionen einer neuen Geschlechterordnung. Fourier argumentierte damit, dass die Voraussetzungen für ein glückliches Leben sinnstiftende Arbeit und Freiheit in der Liebe seien. Für die korrumpierten sexuellen Sitten seiner Zeit fand er folgende Worte:

»Gleicht eine junge Frau nicht einer Ware, die dem Höchstbietenden zum Verkauf angeboten wird? Erfolgt ihre Zustimmung zum Eheband nicht ge