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BERLIN, 2033
Er war seinem Original ähnlicher geworden in diesen vier Jahren. Hagerer. Männlicher.
So viele Menschen hatte er sterben sehen. Es hatte sein müssen. Es war wichtig gewesen für seine Entwicklung.
Alina Schalk stand in der Eingangshalle des Berliner Flughafens und sah Arthur langsam und mit düsterer Miene auf sich zukommen. Sie war eine schlanke Frau, die dunkelblonden Haare zum Zopf gebunden, wie immer etwas zu straff, was ihren zielgerichteten Blick noch härter wirken ließ.
Er erkannte sie in der Menge, und sie sah, dass er einen Augenblick lang zögerte. Ihre Brille war neu. Sie hatte absichtlich rundliche Gläser gewählt, in der Hoffnung, ihre strengen Züge etwas weicher zu machen.
Alina Schalk lächelte. Sie freute sich tatsächlich, ihn zu sehen. Dennoch gehörte Lächeln nicht zu den Ausdrücken, die man häufig in ihrem Gesicht fand.
»Arthur!«, rief sie und lief ihm entgegen. Sie breitete die Arme aus, bereit, ihn zu umarmen, aber er ging nicht darauf ein.
»Hallo«, sagte er mit unbewegtem Gesicht.
Sie wusste: Er wollte nicht hier sein. Sie hatte ihn genötigt zurückzukommen. Hatte ihn aus seinem Leben gerissen, von seinen Freunden getrennt. Es war notwendig gewesen. Nach dem, was in Baghuz passiert war, hatte sie befürchtet, dass die Dinge entgleisen könnten.
Unsicher blickte er in die Menge der freudigen Menschen, die ihre Liebsten begrüßten. Das musste befremdlich für ihn sein. Er kam direkt aus dem Krieg.
Jetzt war er wieder hier. In Deutschland. In Berlin. In einer komplett anderen Welt als dem zerrissenen Syrien.
»Hattest du einen guten Flug?«, fragte Alina.
Arthur nickte. Wortlos ging er neben ihr her. Sie spürte, dass er nicht reden wollte.
Für ihn war sie immer eine Vertrauensperson gewesen. Eine gute Freundin seiner Mutter Rebecca, mit der er ein sehr enges Verhältnis gehabt hatte – bis zu ihrem Tod. Der Vater war natürlich ebenfalls schon tot, auch dafür hatte sie gesorgt. Sie war als Arthurs Vormund bestimmt worden, hatte ihm Geld gegeben, ihm eine Wohnung besorgt.
Ihn nach Syrien zu bekommen hatte langfristige Planung erfordert. Erst hatte sie ihm eine Reise nach Jordanien geschenkt – vorgeblich, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. In der Wüste des Wadi Rum würde er zu sich selbst finden. Diese Weite, diese Stille. Außerdem hatte sie ihn mit der Kunst gelockt: Die fantastischen Gesteinsformationen würden ihn inspirieren und großartige Motive bieten.
Sie lag richtig: Arthur flog nach Jordanien. Dort hatte er – »zufällig« natürlich – zuerst Andrew kennengelernt, den coolen Aussteiger und Abenteurer, der ihn mitgerissen hatte mit seinem Enthusiasmus und ihn mit nach Syrien nahm. Beide trafen sie dort auf Wadi, ebenfalls ganz zufällig.
Natürlich hatte Alina Schalk Missbilligung und Protest vorgetäuscht angesichts seines Vorhabens, mit Andrew und Wadi an die Front zu gehen – was hätte er auch anderes erwartet von einem Vormund.
Ihr Plan war aufgegangen.
Am Auto angekommen, zückte Arthur sein Zigarettenpäckchen und steckte sich eine an. Er hatte sich das Rauchen angewöhnt, was ihr nicht gefiel – sein Original war strikter Nichtraucher gewesen. Doch sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, weil sie se