Lulu
DEZEMBER1943
London
Im Foyer des Basil Hotels in Cardogan Gardens macht ein Schild oberhalb der bräunlichen Tapete die Gäste darauf aufmerksam, dass die Nachtruhestrikt überwacht wird. Und ein weiteres Schild mahnt zur Vorsicht, weil der Feind mithört – wieder einmal. Die Tapete ist übersät mit blassroten Blümchen, die einmal tiefrosa gewesen sein dürften. Sie erinnern mich an eine Geschichte, die ich einmal gelesen habe, in der eine Frau so lange auf die Tapete in ihrem Zimmer stierte, bis sie den Verstand verlor (auf eine gelbe Tapete, wenn ich mich recht erinnere), aber davon bin ich wohl noch ein gutes Stück entfernt.
Ich blicke auf meine Armbanduhr. Fünfzehn Uhr zweiundzwanzig.
Draußen wird es schon dunkel. Eine Mischung aus Kohlenrauch, Dezembernebel und frühem Sonnenuntergang in diesen Breiten, als wären die Tapete, die Schilder an der Wand und die Schutthaufen auf der gegenüberliegenden Straßenseite nicht schon genug, um in düstere Schwermut zu versinken. Wieder geht mein Blick auf die Armbanduhr, fünfzehn Uhr dreiundzwanzig (ja, gibt’s denn das?!), und begegnet dabei zufällig dem des Empfangschefs an der Rezeption. Er mustert mich über den Rand seiner locker sitzenden Lesebrille hinweg, weil ihm mein Aussehen von Anfang an wohl nicht gepasst hat. Warum auch?! Da taucht in deinem Londoner Hotel eine Frau auf, mitten im Dezember, mitten im Krieg, gebräunter Teint, amerikanischer Akzent, unverkennbar umgeben von einer Aura des Fremdländischen, bezahlt ihr Zimmer im Voraus und hat nichts weiter als einen kleinen Koffer dabei. Nun hockt sie da, in deinem dumpfigen Foyer von verblichener Eleganz, wartet auf irgendeine dubiose Verabredung, und du müsstest eigentlich zum Telefonhörer greifen und die Behörden benachrichtigen, einfach nur, um auf der sicheren Seite zu sein – und wahrscheinlich hast du das bereits getan.
Sein Blick huscht hinüber zum Fenster, dann auf die Uhr über dem Gesims hinter mir. Er entfernt sich ein paar Schritte vom Empfangstresen, um die Außenjalousien herunterzulassen und die schweren Chintzvorhänge zuzuziehen. Seine Gestalt ist schmächtig, sein Gang etwas steif, und sein Maßanzug scheint aus dem vorigen Jahrhundert zu stammen. Mit jeder Bewegung gerät sein weißes Haar leicht in Bewegung, und ich erschnuppere einen Hauch von Eau de Cologne, das mich an einen Friseurladen erinnert. Ich überlege, ob ich aufstehen und ihm zur Hand gehen soll. Oder ob er mich dafür umbringen würde?
Nun ja. Nichtumbringen im eigentlichen Sinne, als buchstäblicher Akt des Tötens. Aber irgendwie scheint das Töten von Menschen ständig in meinem Kopf zu kreisen. Muss am Krieg liegen. Der Krieg macht das Töten zu etwas Alltäglichem, zu etwas, das Menschen einander antun, jeden Tag, jeden Augenblick, ohne konkreten Anlass, allein, um nicht selbst getötet zu werden, sodass man anfängt, jederzeit und überall genau damit zu rechnen – ein Gedanke, der wie eine dunkle Wolke über einem hängt und sich wie ein Schatten um die Seele legt. Das finstere Tal der Todesschatten, das ist Krieg. Das Töten ohne konkreten Anlass. Wer im normalen Leben jemandenumbringt, hat in aller Regel einen verdammt guten Grund dazu, einen persönlichen, einen individuellen – aus Sicht des Mörders zumindest. Welchen Grund brauchte wohl ein Hotelmitarbeiter wie er, um jemanden umzubringen?, frage ich mich, während ich dem federnden Auf und Ab seiner Haare in der sacht bewegten Luft zusehe. Gut, wir alle haben unsere Belastungsgrenzen.
Eine Glocke ertönt. Die Eingangstür schwingt auf. Ein frischer Luftzug weht herein und mit ihm eine blasse Frau in einem abgetragenen Mantel und m