: Harald Lesch
: Über dem Orinoco scheint der Mond Warum wir die Natur des Menschen neu begreifen müssen, um die Welt von morgen zu gestalten
: Penguin Verlag
: 9783641274764
: 1
: CHF 8.00
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 160
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Lasst uns den Menschen als Teil der Natur neu denken!

Alles hängt mit allem zusammen, und wir Menschen sind ein Teil des Ganzen der Natur. Diese Einsicht ist in unserer technologisch-ökonomisch geprägten Welt in Vergessenheit geraten, mit immer negativeren Folgen für unsere natürliche Mitwelt, unsere Lebensgrundlagen und letztlich uns selbst. Wie kommen wir da wieder raus? Harald Lesch und Klaus Kamphausen entwerfen ein Welt- und Menschenbild, das den Menschen wieder als Teil der natürlichen Zusammenhänge begreift und ihn als Wesen zeigt, das erst im Für- und Miteinander sein volles, zukunftsfähiges Potential entfaltet – ein Welt- und Menschenbild, das sich von der Durchrationalisierung und -ökonomisierung des Lebens verabschiedet und dem Staunen und Mitfühlen wieder mehr Platz einräumt. Ein Leitstern ihrer Überlegungen ist der Naturforscher Alexander von Humboldt, der vor über 200 Jahren den südamerikanischen Fluss Orinoco bereiste.

Harald Leschist Professor für Theoretische Astrophysik am Institut für Astronomie und Astrophysik der Ludwig-Maximilians-Universitä München und einer der bekanntesten Naturwissenschaftler in Deutschland. Seit vielen Jahren vermittelt er einer breiten Öffentlichkeit spannendes populärwissenschaftliches Wissen. Durch die Sendereihe »alpha-Centauri« bekannt geworden, moderiert er heute u. a. »Leschs Kosmos« im ZDF. Er hat, allein oder mit Co-Autoren, eine Vielzahl erfolgreicher Bücher veröffentlicht, zuletzt »Was hat das Universum mit mir zu tun?«, »Wenn nicht jetzt, wann dann?« und »Denkt mit!«.

1  Warum?

Klaus Kamphausen: Harald, lass mich mit einem kurzen Nachrichtenrückblick auf das Jahr 2021 beginnen.

  14. Juli 2021: Eine Studie brasilianischer Wissenschaftler kommt zu dem Ergebnis, dass die Regenwälder Amazoniens durch Abholzung, Brandrodung und Klimawandel mehrCO2 emittieren als versenken.1

  Mitte Juli 2021: Eine Flutkatastrophe von unvorstellbarem Ausmaß trifft nach extremem Starkregen die Regionen Trier, Ahrtal und Eifel. Die Folgen: mindestens 180 Tote, viele Vermisste und Verletzte, zerstörte Dörfer und Landstriche, Schäden in Milliardenhöhe.

  5. August 2021: Der Golfstrom, der das Klima in unseren Breiten maßgeblich mitbestimmt, schwächelt. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommen Forscher in einer Studie, an der auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung beteiligt ist. Die Studie über die Atlantische Meridionale Umwälzströmung, zu der auch der Golfstrom gehört, kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Strömungssystem in den letzten Jahrzehnten so stark wie nie zuvor in den vergangenen tausend Jahren abgeschwächt hat.2

  August 2021: Die halbe Welt steht in Flammen. Ausgelöst durch extreme Hitze, brennen im Nordosten Russlands Wälder auf einer Fläche fast so groß wie Mitteleuropa. Diese Brände sind nicht nur eine Katastrophe für Mensch und Natur, setzen nicht nur Hunderte Millionen Tonnen vonCO2 frei, sondern lassen auch die Permafrostböden tauen, in denen gewaltige Mengen von extrem klimaaktivem Methan gespeichert sind. Ebenso hart getroffen von extremer Hitze und zerstörerischen Bränden sind Wälder, Mensch und Natur an der Westküste Kanadas und derUSA sowie an der Mittelmeerküste der Türkei und Griechenlands.

  14.& 15. August 2021: Zum ersten Mal ist es auf Grönland so warm, dass auf dem höchsten Punkt des Eisschilds Regen fällt. Die mehrstündigen Niederschläge über weiten Teilen Mittel- und Südgrönlands bringen mehr als sieben Milliarden Tonnen Regen – mehr, als je zuvor in Grönland gemessen wurde. Das warme Wetter und der Regen führen zudem zu einer extremen Eisschmelze. Laut National Snow& Ice Data Center ist der Eisverlust an der Oberfläche des Eisschilds um das Siebenfache höher als der Normalwert für Mitte August. In der ersten Jahreshälfte 2021 ist das Oberflächeneis Grönlands auf einer Fläche von 21,3 Millionen Quadratkilometern abgeschmolzen, dreimal so viel wie im langjährigen Mittel.3

  6. September 2021: Auf der Südhalbkugel, in Neuseeland, bricht der Frühling an, und das nach dem wärmsten Winter seit über 100 Jahren. Die Durchschnittstemperaturen in den Wintermonaten Juni, Juli und August lagen 1,3 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt.4

Nachrichten wie diese sind fast täglich in den Medien zu lesen, im Radio oder Fernsehen zu hören und zu sehen. Egal, ob sie das Klima betreffen, die Verschmutzung oder Ausbeutung der Meere, die Erwärmung der Ozeane, die Vernichtung von Wäldern und Ackerböden oder die Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten: Sie sprechen eine deutliche Sprache, erreichen uns aber nicht so, dass wir unser Handeln wirklich maßgeblich und nachhaltig verändern. Die Frage ist, warum?

Harald Lesch: Diese Berichte sind unmissverständlich und klar. Es sind naturwissenschaftliche Fakten, die uns zeigen, dass es sehr schlecht um unseren Lebensraum steht. Wir können uns nicht darauf zurückziehen, von diesen Tatsachen nichts zu wissen, denn die Frequenz dieser Art von Nachrichten nimmt drastisch zu. Unsere scheinbare Taub- und Blindheit liegt auch nicht in irgendeiner Abstraktheit des The