: Caitlin Wahrer
: Der Fremde Roman
: Heyne Verlag
: 9783641270490
: 1
: CHF 5.40
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Eine der aufregendsten Neuerscheinungen dieser Saison." New York Times

Als ihr Schwager Nick nach einem brutalen sexuellen Übergriff im Krankenhaus liegt, ist Anwältin Julia fassungslos. Der Zwanzigjährige hat mit physischen Verletzungen und einem massiven Trauma zu kämpfen – und Julias Mann Tony, der sein Leben lang wie ein Vater für Nick gesorgt hat, wird von Wut und Verzweiflung aufgefressen. Der Verdächtige wird schnell gefunden, doch er bestreitet Nicks Aussage. Gleichzeitig verschlechtert sich Nicks psychischer Zustand dramatisch. Julia bemüht sich, ihre Familie zusammen- und den ermittelnden Polizisten Detective Rice auf Abstand zu halten. Doch Tonys Rachegefühle geraten außer Kontrolle, er macht Julia immer mehr Angst. Und schließlich muss sie sich fragen, wie weit Tony gehen wird, um seine Familie zu beschützen …

Caitlin Wahrer wurde als Tochter zweier Hippies in einer Kleinstadt in Maine geboren. Sie verließ Neuengland für das College, kehrte aber zurück, um Jura zu studieren. Als praktizierende Anwältin bearbeitet sie täglich Fälle wie den von Nick in DER FREMDE. Sie lebt mit ihrem Mann im südlichen Maine. DER FREMDE ist ihr Debütroman.

Kapitel 1 
Julia Hall, 2019 


Das Haus des sterbenden Detective war ein hohes dunkelblaues Gebäude mit absplitternden Ornament-Verzierungen und Fensterläden. Es hob sich hinter den Schneeverwehungen am Straßenrand gegen den hellen Himmel ab. Obwohl das Haus noch bedeckt war vom Schneefall der letzten Nacht, war die schwarze Dreiundzwanzig über der Tür gut zu erkennen.

In der schmalen Einfahrt war noch Platz, dennoch parkte sie auf der Straße. Julia Hall rutschte auf ihrem Sitz her­um, um an die Tasche ihres dicken Wintermantels zu gelangen. Sie schob die Hand tief hin­ein, bis ihre Finger die Ränder des gefalteten Zettels streiften. Als sie ihn her­auszog, hoffte sie inständig, dass etwas anderes als diese Adresse darauf stehen würde – irgendetwas, das ihr erlauben würde, weiterzufahren und das Haus vielleicht niemals zu finden. Auf das zerknitterte Papier hatte sie23Maple Drive, Cape Elizabeth geschrieben, und hier war sie nun.

»Geh einfach«, ­­sagte sie laut und warf einen Blick auf das Haus.

Fenster säumten die Haustür, und durch die heruntergelassenen Rollläden wirkte es verlassen, leer. Dann hatte er sie zumindest nicht beobachtet, als sie mit sich selbst geredet hatte.

Der Wind entriss Julia fast die Tür, als sie aus ihrem SUV stieg. Der Winter war bisher bitterkalt gewesen. Mit zunehmendem Alter fand sie die Kälte jedes Jahr ein bisschen unerträglicher. Sie zog sich die Mütze fester über die Ohren und drehte sich zum Auto um. Ohne nachzudenken, schlug sie die Tür fest zu. Sie zuckte zusammen, als der Klang über die ansonsten ruhige Straße schallte, und dachte an ihren alten Subaru, der eine etwas gröbere Behandlung verlangt hatte. Den sie gefahren hatte, als sie zum letzten Mal mit dem Mann gesprochen hatte, der im Haus auf sie wartete.

Der Weg zum Haus war frisch geräumt. Hatte er das für sie getan? Der Pfad und die Stufen zur Veranda waren mit Salz gestreut, und sie konzentrierte sich auf das Knirschen unter ihren Schuhen, als sie sich auf das Gebäude zubewegte.

Sie schüttelte ihre Hände aus und klingelte.

Noch bevor das Geräusch verklungen war, wurde die Haustür schwungvoll geöffnet.

»Julia«, ­­sagte die Gestalt vor ihr. »Wie geht es Ihnen, meine Liebe?«

So wie es aussah, besser als dem Mann vor ihr. Es war eindeutig Detective Rice, auch wenn sein Körper nur noch wie eine Hülle wirkte. Sein einst imposanter Körper schien in sich zusammengesunken zu sein wie ein verwelkter Blumenstiel. Sein Gesicht war blassgelb, und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Eine Red-Sox-Kappe saß auf seinem vollkommen kahlen Kopf.

»Gut, Detective Rice. Es geht mir gut.«

Sie schüttelten einander unbeholfen die Hände, nachdem er sich vorgeb