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Das Meer und der Mensch
Wenn man im Meer treibt, schwankt das Universum.
Mit einem je nach Seegang unterschiedlich stark tanzenden Horizont. Ein Links, ein Rechts, ein Vor und Zurück.
Ein Auf und Ab im räumlichen Sinne. Aber auch im metaphorischen.
Im Falle von Heinrich Pohl ist es ein Tanz ohne Horizont. Ein einsames Treiben zwischen den Koordinaten 27.847 156 Grad Breite und -79.610 289 Grad Länge, was bedeutet: kein Land in Sicht! Sein makrokosmisches Universum, sein eigentliches, gewöhnliches Leben, viele Kilometer unerreichbar weit entfernt. Sein mikrokosmisches Universum, seine direkte Umgebung, grotesk gespickt mit Gegenständen, die man dort nicht vermuten würde.
Heinrich Pohl befindet sich in der lebensbedrohlichen Situation des Ertrinkens.
Grob geschätzt nördlich der Bahamas und westlich von Vero Beach. Der Ozean, der ihn noch trägt, hat eine Wassertemperatur von gut fünfundzwanzig Grad Celsius und schaukelt Pohls Körper plätschernd und gleichmäßig in mal elliptischen, mal azyklischen Bahnen. Dem träge schwingenden Taktstock eines Dirigenten gleich. Das Meer, ein dunkles klimperndes Grün, bewegt sich in diesem Moment gemach. Es könnte sich jedoch auch blitzschnell in ein aggressives, aufbrausendes Monster verwandeln. Das Meer ist, wie wir sowohl aus diversen Belletristik- und Sachbüchern als auch aus maritimer Cineastik wissen, ein naturgewaltiges Chamäleon. Ernest Hemingway oder George Clooney könnten unheilvolle Shantys davon singen.
Die Ozeane bestimmen über unser Los. Sie überleben jeden. Alles. Selbst wenn die Universen sterben, bleiben Ozeane voller Leichen.
Heinrich Pohl liegt mit dem Oberkörper auf einer stabilen, mit Styropor ausstaffierten Hartplastikbox. Seine Beine baumeln im Wasser, als würde er locker und leicht auf einer Luftmatratze vorm Timmendorfer Strand paddeln. Sein Kopf ruht wie einbetoniert in seiner rechten Armbeuge. In schwerer Ohnmacht.
Das Atmen klingt rasselnd. Aus seiner Nase marschiert ein kleines Rinnsal Blut wie eine Ameisenstraße Richtung Salzwasser. Die Blutstropfen lösen sich auf wie schmelzende Quallen.
Leere Büchsen einer mexikanischen Bierbrauerei tänzeln lustig um ihn herum und wirken wie ein Dutzend Schwimmer ausgeworfener Angelruten. Zwei haarige Kugeln tummeln sich dazwischen. Es sind Kokosnüsse.
Drei Grad backbord schwimmt ein brauner Gegenstand im Wasser, ein pelziger Körper voll Leben: ein Lama. Strampelt rhythmisch mit seinen vier Stelzen, um den nötigen Auftrieb zu erzeugen. Lamas sind gute Spucker, aber fast ebenso feine Schwimmer.
Heinrich Pohl war ein mittelmäßiger Schwimmer. Nun aber, im Meer, dem Unerbittlichen, zieht gerade sein Leidensgenosse, das Lama, schnellere Bahnen als er. Wenngleich auch im Kreise. Ein Tierkreisel ungewöhnlichster Art am unmöglichsten Ort. Die Bierbüchsen wackeln mit den Köpfen und zollen so Respekt ohne Beifall. Lichtreflexe des Alus treffen auf das glitzernde Wasser. Unzählige, sich verkeilendeSOS-Signale. Sie se