: Julia May Jonas
: Vladimir Roman
: Karl Blessing Verlag
: 9783641286682
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie ist Ende fünfzig, Literaturprofessorin an einem kleinen College an der amerikanischen Ostküste und beliebt bei ihren Studentinnen. Seit dreißig Jahren ist sie mit John verheiratet, der am selben College unterrichtet. Sie war immer stolz darauf, mit John eine offene Beziehung zu führen, intellektuell, finanziell und emotional unabhängig zu sein. Als John jedoch seine Suspendierung fürchten muss, weil eine der vielen Studentinnen, mit denen er im Laufe der Jahre eine Affäre hatte, ein Verfahren gegen ihn angestrengt hat, gerät das Wertesystem der Ich-Erzählerin ins Wanken: Ihre Studentinnen und ihre Tochter fordern sie auf, sich zu trennen, die Fakultät möchte sie beurlauben. In dieser Situation trifft sie Vladimir Vladinski - ein 20 Jahre jüngerer Kollege und gefeierter Romanautor - und entwickelt für ihn eine folgenschwere Obsession.

Julia May Jonas hat an der Columbia University Literarisches Schreiben studiert. Sie ist Dramatikerin und unterrichtet Schauspiel am Skidmore College in Saratoga Springs, New York. Jonas lebt mit ihrer Familie in New York.

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Obwohl ich Vladimir bereits gesehen hatte und ihn hatte sprechen hören – im Postgraduiertenseminar, beim Bewerbungslunch und auf der Klausurtagung des Fachbereichs –, hatte ich bis zum Herbstsemester keine Gelegenheit gehabt, mehr als ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Ich hatte ihn im Frühjahr kennengelernt, als er seine Vollzeitstelle als Juniorprofessor antrat und ich zu allen Dozententreffen zu spät kam und früher ging, um mit niemandem reden zu müssen. Ich hielt es kaum aus, neben Florence zu sitzen, nicht mal mit drei Plätzen Abstand; Wutblitze schossen mir aus der Vagina in Arme und Beine. Immer schon ist der Ausgangspunkt meiner Wut meine Vagina gewesen; es wundert mich, dass das Phänomen in der Literatur kaum erwähnt wird.

An einem Abend Anfang September, in der ersten Semesterwoche, war er bei mir zu Hause, und da unterhielten wir uns zum ersten Mal richtig. Ich saß gerade im Wohnzimmer unseres Hauses, genoss die kühle Brise, trank Mineralwasser – ich habe eine Regel, derzufolge ich, wenn ich allein bin, Alkohol erst ab einundzwanzig Uhr trinken darf, eine praktische Taktik, mein Gewicht zu kontrollieren – und las ein Buch über die Geschichte der Hexen in Amerika, als es an der Tür klingelte. Seit die Vorwürfe gegen meinen Mann laut geworden waren, konnte ich keine Romane mehr lesen. Normalerweise las ich in den Sommermonaten viel und mit Begeisterung, und immer fand ich ein paar neue Kurzgeschichten oder einen Romanauszug, den ich später in meinen Seminaren durchnehmen konnte. Für meine Studierenden und für mich war es wichtig, mit der Stimme der Gegenwart in Verbindung zu bleiben. Aber in dem Sommer hatte ich das Gefühl, mein Blick könnte sich nicht auf die gedruckten Wörter fokussieren. Die fiktiven Welten, die Konstruiert-heit und Abgekupfert-heit der Texte, die vielen Figuren – all das erschien mir wie eine dürftige, kümmerliche Opfergabe. Ich brauchte Daten, Fakten, Zahlen und Statistiken. Waffen. Dies ist unsere Welt, und das ist darin passiert. In meinem Einführungsseminar las ich normalerweise einen Abschnitt aus derPoetik laut vor. Aristoteles erläutert darin den Unterschied zwischen Poesie und Geschichtsschreibung und warum die kunstvolle und theoretische Poesie in der Darstellung des Menschlichen überlegen ist. Dieses Jahr habe ich den Teil ausfallen lassen. Genau genommen habe ich dieses Jahr die komplette Einführung ausfallen lassen, meine ganze lange, mit viel Vorlauf zusammengestellte und eingeübte Litanei aus Anspielungen und Zitaten, die meine Studierenden ebenso einschüchtern wie motivieren soll. Stattdessen habe ich sie gebeten, über sich und ihre Erfahrungen zu sprechen. Ich würde gern behaupten, meine Entscheidung habe etwas mit dem Wunsch zu tun, sie kennenzulernen, aber so war es nicht. In meinen Seminarnotizen steht: »Lass sie reden! (Sie interessieren sich ohnehin nur für die eigenen Gedanken.)«

Ich hörte sein Auto in der Einfahrt und dann seine Schritte, als er über das Grundstück lief und sich fragte, welche Tür die richtige sei. In unserer kleinen Stadt ist es allgemein Sitte, ein Haus über die hintere Veranda zu betreten, von der man, solange das Gebäude nicht