Eins
»Erklär mir doch bitte, was ich hier in dieser Gluthitze eigentlich soll. Und das auch noch zehn Tage lang und mit Frauen, die ich in den letzten Jahren kaum gesehen habe und womöglich nicht einmal wiedererkenne.«
Nell warf einen Blick auf Dora, die es trotz ihres Gejammers wegen der hohen Temperaturen wieder einmal schaffte, in ihrem bronzefarbenen schulterfreien Kleid frisch und elegant auszusehen. Und das, obwohl sich besagtes Kleid eher für eine Cocktailparty in Canary Wharf geeignet hätte als für eine zehnstündige Reise mit der Fähre bei sengender Sonne.
»Weil es ein Abenteuer ist«, erwiderte Nell, froh darüber, dass sie praktische Baumwollkleidung trug. »Weil wir auf die zauberhafte griechische Insel zurückkehren, in die wir uns verliebt haben, als wir achtzehn waren. Wir waren unzertrennlich, weißt du noch? Damals wollten wir für immer Freundinnen bleiben – mit Ausnahme von Moira vielleicht. Und dann ist uns das Leben in die Quere gekommen. Ehemänner. Kinder. Alltagspflichten …« Verlegen hielt sie inne, da ihr einfiel, dass Dora weder Mann noch Kinder hatte. »Und in deinem Fall eine tolle Karriere«, fügte sie rasch hinzu. »Ich finde dieses Treffen eine prima Idee. Sogar mit Moira. Außerdem bedeutet es Penny sehr viel, und Penny ist ein ganz besonders lieber Mensch.«
»Was für ein Pech für sie«, entgegnete Dora gedehnt.
Nell ließ den Blick über die Anlegestelle in Piräus schweifen, jenen Hafen, von wo aus die Schiffe zu den griechischen Inseln in See stachen. Sie suchte nach einem Wegweiser zum Terminal, in dem sie sich verabredet hatten, doch sie konnte nichts Aufschlussreiches entdecken, insbesondere kein Schild mit der AufschriftZanthos.
Eigentlich waren sie alle überrascht gewesen, als Dora sich wie aus heiterem Himmel einverstanden erklärt hatte, mitzukommen. Dora führte nämlich ein schillerndes Leben in der PR-Branche. Nell hatte einmal einen Artikel auf der Gesellschaftsseite einer Zeitung entdeckt. »Pandora Perkins, die Furcht erregendste PR-Maschine Londons«, hatte die Schlagseite gelautet. Sie war erleichtert, dass ihr Leben Doras nicht im Entferntesten ähnelte. Ihre Arbeit als Empfangssekretärin in einer Arztpraxis konnte man wohl kaum als schillernd bezeichnen … Ein kleiner Schock traf sie, als ihr einfiel, dass das gar nicht mehr stimmte. Vor drei Wochen hatte sie sich nämlich für den vorzeitigen Ruhestand entschieden, nachdem sie wieder einmal mit der neuen Praxismanagerin aneinandergerasselt war. Also war sie jetzt eineehemalige Empfangssekretärin in einer Arztpraxis.
Nell warf noch einmal einen Blick in Pennys E-Mail, dann sah sie auf.
»Oh, schau, auf diesem Schild steht ›Passagierterminal‹«, verkündete sie. Sie bogen um die Ecke, weg von den in Reih und Glied vor Anker liegenden gewaltigen Fähren, deren Hecks offen standen wie klaffende Mäuler, damit Autos und mit Containern beladene Lastwagen hineinfahren konnten. Dabei wären sie fast mit einem Mann mit gerötetem Gesicht zusammengestoßen, der zwei riesige Koffer hinter sich herzog und sich außerdem mit einer Reisetasche abschleppte, während seine Frau gleichmütig vorneweg stolzierte.
»Gegen so einen hätte ich nichts einzuwenden«, meinte Dora und blickte den beiden nach.
»Was, so einen Koffer?« Nell begutachtete die Gepäckstücke, ob sie vielleicht aus dem Hause Louis Vuitton stammten, Doras bevorzugter Marke.
»Nein, den Ehemann. Ich habe mich schon imm