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Orange. Die Farbe des Sonnenaufgangs und des Sonnenuntergangs. Symbol für Heiterkeit, Wärme, Lebensfreude und Tatkraft. Die Farbe der Weisheit und des Bewusstseins.
Der kleine Junge hatte schwarze Locken und große Augen, er trug kurze rote Hosen, und seine grüne Jacke hatte schon bessere Tage gesehen.
Suchend blickte er sich im Bahnhof um. Die Nase in die Luft gestreckt, die Arme auf Schulterhöhe ausgebreitet, als wäre er ein Flugzeug.
Stella Marcovaldi erinnerte er an einen Kolibri. Sie hatte schon welche gesehen, damals in Brasilien, als sie ihren Vater besucht hatte. Irisierendes Gefieder in schimmerndem Grün, leuchtend blauviolette Flügel, ein langer schmaler Schnabel.
Die Kolibris hatten ihr gefallen, wie alles, was sie dort gesehen hatte.
Danach hatte sie nach Italien zurückkehren müssen. So war es besser gewesen. Sie schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf den Jungen.
War er tatsächlich allein? Sie wartete eine Weile und sah zu dem verwaisten Eingang. Da war niemand. Sie legte den Zeichenblock auf den Schoß und schaute dem Jungen hinterher. Er bemerkte ihren Blick, lächelte und winkte ihr zu, bis er hinter dem Springbrunnen verschwand.
Plötzlich hörte sie einen Schrei.
Stella lief rasch zu der Stelle, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Als sie ein Lachen hörte, blieb sie stehen. Der schwarze Lockenkopf tauchte hinter der Begrenzungsmauer zu den Schienen auf.
»Du Spitzbub«, murmelte sie, lächelte erleichtert und ging zur Bank zurück.
Als sie den Zeichenblock wieder aufklappte, ließ sie den Blick umherschweifen. Noch immer raste ihr Herz, der Schreck steckte ihr in allen Gliedern. Um sich zu beruhigen, konzentrierte sie sich einen Moment auf das glänzende rote Leder ihrer heiß geliebten hochhackigen Schuhe, bevor sie den Blick wieder nach oben richtete.
Ein flacher Sonnenstrahl brach sich in den Scheiben des Oberlichts, es sah aus wie ein Prisma, was ihre Aufmerksamkeit weckte.
Während sie das in allen Regenbogenfarben schillernde Licht wie ein Wasserfall umhüllte, seufzte sie zufrieden. Sie streckte den Arm aus, als wolle sie das irisierende Licht berühren.
Wie gerne hätte sie die Essenz dieser Schönheit eingefangen! Wie gerne hätte sie ihr Geheimnis gelüftet und es nachgebildet. Aber stattdessen blieb ihr nur die Bewunderung. Die Finger reglos, die Hand leer.
Ihr Leben war wie das weiße Blatt des Zeichenblocks auf ihrem Schoß.
Ein Windstoß, der ihr durch den weiten Rock fuhr, brachte sie in die Realität zurück. Sie hatte noch Zeit, ihr Anschlusszug würde erst in einer halben Stunde kommen.
Wieder hielt sie Ausschau nach dem Jungen. Er war zu klein, um allein zu bleiben, wo wohl seine Eltern waren? Sie hoffte, sie waren nicht ohne ihn abgefahren. Sie hatte schon von solchen Fällen gelesen:Gestresste Eltern steigen ohne ihr Kind in den Zug. Aber so etwas geschah an großen und stark frequentierten Bahnhöfen; hier gab es gerade mal zwei Bahnsteige, und die Fahrgäste ließen sich an einer Hand abzählen.
Schließlich steckte sie den Block in die Tasche und ging auf den Jungen zu.
»Ciao, ich bin Stella, wie heißt du?«
Er hatte große schwarze Augen und eine Zahnlücke. Er lächelte schüchtern.
»Karim.«
Der Name war das E