: Cristina Caboni
: Die Glücksmalerin Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641291365
: 1
: CHF 8.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine junge Frau auf den Spuren einer außergewöhnlichen Geschichte. Und eine Reise in die Vergangenheit, die sie zu neuem Glück führt ...

Als Stella aus heiterem Himmel ihren Job verliert, beschließt sie, an den Gardasee zu ihrer Großtante Letizia zu fahren, die nach dem Tod ihres Mannes Gesellschaft brauchen kann. Kurz nach ihrer Ankunft entdeckt sie einen Stapel Kinderzeichnungen, von dem eine seltsame Energie auszugehen scheint. Stella, die selbst über ein außergewöhnliches Gespür für Farben verfügt, möchte wissen, was es mit dem mysteriösen Fund auf sich hat. Ihre Nachforschungen führen sie in die Vergangenheit, zurück ins Jahr 1942, in den kleinen Ort Nonantola, wo jüdische Kinder aus ganz Europa in einer Villa Zuflucht fanden. Was Stella nicht ahnt: Ihre Spurensuche bringt nicht nur ihr selbst, sondern auch Letizia das Glück zurück …

Außerdem von Cristina Caboni lieferbar:

Die Rosenfrauen
Die Honigtöchter
Die Oleanderschwestern
Der Zauber zwischen den Seiten
Die Seidentöchter
Die Gartenvilla
Das Versprechen der Rosenfrauen

Cristina Caboni lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf Sardinien, wo sie sich leidenschaftlich um die Imkerei ihrer Familie kümmert. Ihr Debütroman »Die Rosenfrauen« war ein internationaler Erfolg und stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Seitdem inspiriert Cristina Caboni ihre Leser*innen mit Geschichten über mutige Protagonistinnen, die sich nach einer Krise neu erfinden. Vor der wunderschönen Kulisse Italiens, zwischen verwunschenen Dörfern und flirrenden Sommertagen, wachsen sie über sich hinaus und finden das Glück.

1


Orange. Die Farbe des Sonnenaufgangs und des Sonnenuntergangs. Symbol für Heiterkeit, Wärme, Lebensfreude und Tatkraft. Die Farbe der Weisheit und des Bewusstseins.

Der kleine Junge hatte schwarze Locken und große Augen, er trug kurze rote Hosen, und seine grüne Jacke hatte schon bessere Tage gesehen.

Suchend blickte er sich im Bahnhof um. Die Nase in die Luft gestreckt, die Arme auf Schulterhöhe ausgebreitet, als wäre er ein Flugzeug.

Stella Marcovaldi erinnerte er an einen Kolibri. Sie hatte schon welche gesehen, damals in Brasilien, als sie ihren Vater besucht hatte. Irisierendes Gefieder in schimmerndem Grün, leuchtend blauviolette Flügel, ein langer schmaler Schnabel.

Die Kolibris hatten ihr gefallen, wie alles, was sie dort gesehen hatte.

Danach hatte sie nach Italien zurückkehren müssen. So war es besser gewesen. Sie schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf den Jungen.

War er tatsächlich allein? Sie wartete eine Weile und sah zu dem verwaisten Eingang. Da war niemand. Sie legte den Zeichenblock auf den Schoß und schaute dem Jungen hinterher. Er bemerkte ihren Blick, lächelte und winkte ihr zu, bis er hinter dem Springbrunnen verschwand.

Plötzlich hörte sie einen Schrei.

Stella lief rasch zu der Stelle, wo sie ihn zuletzt gesehen hatte. Als sie ein Lachen hörte, blieb sie stehen. Der schwarze Lockenkopf tauchte hinter der Begrenzungsmauer zu den Schienen auf.

»Du Spitzbub«, murmelte sie, lächelte erleichtert und ging zur Bank zurück.

Als sie den Zeichenblock wieder aufklappte, ließ sie den Blick umherschweifen. Noch immer raste ihr Herz, der Schreck steckte ihr in allen Gliedern. Um sich zu beruhigen, konzentrierte sie sich einen Moment auf das glänzende rote Leder ihrer heiß geliebten hochhackigen Schuhe, bevor sie den Blick wieder nach oben richtete.

Ein flacher Sonnenstrahl brach sich in den Scheiben des Oberlichts, es sah aus wie ein Prisma, was ihre Aufmerksamkeit weckte.

Während sie das in allen Regenbogenfarben schillernde Licht wie ein Wasserfall umhüllte, seufzte sie zufrieden. Sie streckte den Arm aus, als wolle sie das irisierende Licht berühren.

Wie gerne hätte sie die Essenz dieser Schönheit eingefangen! Wie gerne hätte sie ihr Geheimnis gelüftet und es nachgebildet. Aber stattdessen blieb ihr nur die Bewunderung. Die Finger reglos, die Hand leer.

Ihr Leben war wie das weiße Blatt des Zeichenblocks auf ihrem Schoß.

Ein Windstoß, der ihr durch den weiten Rock fuhr, brachte sie in die Realität zurück. Sie hatte noch Zeit, ihr Anschlusszug würde erst in einer halben Stunde kommen.

Wieder hielt sie Ausschau nach dem Jungen. Er war zu klein, um allein zu bleiben, wo wohl seine Eltern waren? Sie hoffte, sie waren nicht ohne ihn abgefahren. Sie hatte schon von solchen Fällen gelesen:Gestresste Eltern steigen ohne ihr Kind in den Zug. Aber so etwas geschah an großen und stark frequentierten Bahnhöfen; hier gab es gerade mal zwei Bahnsteige, und die Fahrgäste ließen sich an einer Hand abzählen.

Schließlich steckte sie den Block in die Tasche und ging auf den Jungen zu.

»Ciao, ich bin Stella, wie heißt du?«

Er hatte große schwarze Augen und eine Zahnlücke. Er lächelte schüchtern.

»Karim.«

Der Name war das E