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Micah Marow
Die Halle hinter dem Aufnahmestudio ist funktional und ungemütlich. Während auf der anderen Seite des bunt blinkenden Torbogens die Zuschauer über die Witze der Moderatorin lachen, Kellner den Gästen Getränke reichen und sich schätzungsweise mehrere Millionen Fernsehzuschauer vor ihren Geräten auf den heimischen Sofas rekeln, wird der Bereich hinter der Bühne von düsterer Hektik beherrscht. Techniker, Maskenbildnerinnen und eine zierliche Praktikantin der Regie hetzen um Micah herum, als wären sie auf der Flucht vor irgendetwas oder irgendwem. Vermutlich dem Zorn des Aufnahmeleiters. Micah würde gerne woanders stehen oder sich irgendwo hinsetzen, wo er weniger im Weg ist, und an etwas anderes denken als an den Auftritt. Er versucht, sich mit der Hand durch den Pony zu fahren, doch seine Haare sind verklebt, was an dem Gel liegt, mit dem die Maskenbildnerin seine dunklen Strähnen gebändigt hat. Er schaut sich um. Eine Sitzgelegenheit gibt es hier nicht, nicht einmal Klappstühle oder eine Kiste. Suchen kann er sich nichts. Ohne eine klare Aufforderung wird er sich hier nicht wieder wegbewegen. Er ist froh, die Bühne überhaupt gefunden zu haben, nach einer abenteuerlichen Odyssee durch einen Irrgarten aus Studiohallen, Gängen und Türen. Also bleibt er genau dort stehen, wo ihn vor fünf Minuten eine rothaarige Frau mit Headset abgestellt hat. Ein Mittvierziger, Multimillionär, verloren im Chaos einer Livesendung. Micah vergräbt die Hände in den Taschen seiner Jeans und bemüht sich, wenn schon ein Hindernis, dann zumindest ein freundliches zu sein. An diese Auftritte, zu denen Kyle ihn in letzter Zeit immer häufiger drängt, kann er sich nicht gewöhnen. Medientraining hin oder her. Er verlagert sein Gewicht auf das andere Bein und fährt sich mit der Hand über den Mund. Auch sein Gesicht fühlt sich pudrig und ungewohnt an. Unecht. Hoffentlich hat er die Arbeit der Maskenbildnerin jetzt nicht ruiniert. Sonst geht das Theater von vorne los. Besser, er lässt die Hände in den Hosentaschen, wo sie keinen Schaden anrichten können.
Die Praktikantin schaut sich ebenfalls nervös um, als hätte auch sie ihren Weg verloren. Aufmunternd lächelt er ihr zu. Eine positive Wirkung erzielt er damit nicht. Die junge Frau erbleicht. Obwohl das Licht der Scheinwerfer sich nur mühsam auf diese Seite der Kulisse kämpft, kann Micah den Schrecken in ihren Augen erkennen.
»Oh, nein!«, stöhnt sie. Sie starrt auf das Tablet in ihrer Hand, dann wieder auf ihn.
Bevor er sie fragen kann, ob er vielleicht helfen kann, verstellt ihm ein Mann in schwarzen Arbeitshosen die Sicht. Abwechselnd in zwei Walkie-Talkies bellend, fäll